Aachen: Warnstreik bei Talbot: Kurzarbeit trotz rosiger Zukunftsaussicht

Aachen : Warnstreik bei Talbot: Kurzarbeit trotz rosiger Zukunftsaussicht

Wenn eine Belegschaft auf die Straße geht, ist das immer eine gute Gelegenheit, sie nach der aktuellen Befindlichkeit zu befragen. Letzte Woche bei Philips, wo wieder einmal die Angst umgeht, dass mit den (Auto)Lampen ein weiterer Produktionszweig nach den Bildröhren langfristig vor dem Aus stehen könnte. Am Mittwoch war Warnstreik bei der Talbot Service GmbH angesagt.

Das Bombardier-Werk, das vor zwei Jahren noch auf dem Sterbebett lag, erlebt aber gerade eine erstaunliche Renaissance und liegt eigentlich im Aufwärtstrend. „Nicht so besonders gut“ oder „bescheiden“ antworten einige Malocher, die mit der Frühschicht ziemlich komplett zum Werkstor gezogen sind, auf die Frage, wie denn die Stimmung in der Firma sei.

Momentan werde Kurzarbeit gefahren, erläutert Betriebsratsvorsitzender Ralf Dohmen beim genaueren Nachfragen. Es gebe Verzögerungen bei zwei Großaufträgen, etwa den Zügen für den Gotthardtunnel und der Fertigung von 1000 Streetscootern und 1000 Pedelecs. Geschäftsführer Dirk Reuters bestätigt, dass es zu drei Monaten Zeitverzug bei Streetscooter gekommen sei. Ab 1. Juni gehe es aber mit der Serienfertigung los, dann werde die Kurzarbeit auch beendet. Bei den Zügen für den Gotthardtunnel hoffe man auf eine die Bestellung weiterer elf Einheiten im Anschluss, ihre Produktion gehe im März so richtig los.

Auch Siemens als Kunde

Die auf dem Gelände ansässige Streetscooter GmbH, für die viele Talbötter tätig sind, hatte auf Anfrage der Deutschen Post nicht nur ein Elektrofahrzeug zur schadstofflosen Auslieferung entwickelt, sondern in Zusammenarbeit mit anderen Firmen und der RWTH auch ein Elektrofahrrad. Streetscooter war im Dezember von dem Logistikriesen DHL übernommen worden, der weiteren Zusammenarbeit sieht Talbot-Geschäftsführer Reuters wie der gesamten Firmenentwicklung erwartungsvoll entgegen. „Wir werden so viele Fahrzeuge fertigen wie möglich.“ Außerdem sei man auch um andere Projekte bemüht und habe einen weiteren Großkunden gewonnen: „Seit gestern steht ein Siemens-Zug auf dem Hof. Darum haben wir 18 Monate mit Erfolg gekämpft.“

Trotz aller rosigen Aussichten fielen die Forderungen der IG Metall bei den Talböttern auf fruchtbaren Boden. 1. Bevollmächtigter Achim Schyns blickte in seiner Ansprache noch einmal zurück in die wechselvolle Vergangenheit: „Vor knapp zwei Jahren habt Ihr für den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft. Das ist inzwischen legendär. Von Talbot lernen heißt kämpfen und siegen lernen.“ Die Gewerkschaft fordert unter anderem 5,5 Prozent mehr Gehalt und das findet ebenfalls an der Jülicher Straße, wo beim Neustart finanzielle Zugeständnisse gemacht werden mussten, viel Verständnis. Schyns: „Ihr habt in der Vergangenheit verzichtet. Es wird Zeit, dass Ihr wieder mehr in der Tüte habt.“

Das bisherige Gegenangebot von 2,2 Prozent seit völlig unzureichend. Eine Umfrage unter den Unternehmen habe gezeigt, dass 70 Prozent positive Erwartungen hätten: „Unsere Forderung ist mehr als berechtigt.“ Und auch der Tarifvertrag über die Altersteilzeit, die schon bei Bombardier und Talbot stark genutzt worden sei, müsse den neuen gesetzlichen Regelungen (Rente mit 63 nach 45 Arbeitsjahren) angepasst werden. „Es ist wichtig, eher aufhören und vernünftig in Rente gehen zu können.“ Gar nicht gehe aber an, dass die Arbeitgeber mit Verweis auf den Fachkräftemangel nur die älteren Arbeitnehmer gehen ließen, die krank seien: „So geht man nicht mit Menschen um.“

Schyns schlug auch eine Bresche für eine weitere Forderung in dieser Tarifrunde, die Bildungsfreizeit. Gerade in Unternehmen, deren Produktpalette immer breiter würde, müssten Mitarbeiter gut ausgebildet sein. Dem Gewerkschafter schwebt etwa vor, dass ein Azubi, der sich zum Techniker weiterbilden will, das nicht nur abends und in seiner Freizeit machen müsse, sondern dass er ein paar Tage frei bekommt, an denen er den Abschluss machen kann.

Per Bus nach Mülheim

Schyns rief dazu auf, am Freitag nach Mülheim zu kommen, zur nächsten Verhandlungsrunde. Der Bus fährt um 6 Uhr morgens auf dem Parkplatz am Friedhof Hüls los. „Wenn die Arbeitgeber sich nicht bewegen, werden wir zu anderen Maßnahmen greifen.“

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