Aachen: „Wanderfreunde Eilendorf“: Kein Verein, kein Vorstand, aber seit 52 Jahren aktiv

Aachen : „Wanderfreunde Eilendorf“: Kein Verein, kein Vorstand, aber seit 52 Jahren aktiv

Treffen sich zwei Vettern. Einer von ihnen, Paul Bohn, hat eine Idee, aber kein Auto: „Wir rufen einen inoffiziellen Eifelverein ins Leben, aber ohne Name und Satzung.“ Gesagt, getan. Man schreibt das Jahr 1966, die legendäre Studentenrevolte wird erst zwei Jahren später losbrechen.

Der andere ist Paul Emunds, Lehrer am Kaiser-Karls-Gymnasium. Zum 25-Jährigen 1991 erinnert er sich: „Zum ersten Mal füllten am 23. Januar 17 Wanderer, darunter acht Kinder, zwei Kleinbusse zur Fahrt nach Lammersdorf und zur Wanderung von Jägersfahrt über den Paternosterberg ins Solchbachtal. Beim dritten Mal musste schon ein Bus her.“ Die vor mehr als einem halben Jahrhundert gegründete, ungewöhnliche Wanderinitiative existiert heute noch.

KKG-Lehrer Emunds ist in den 1960ern in der Region kein Unbekannter: Vor allem als Herausgeber von zwei Büchern erregt er früh Aufmerksamkeit: „Mit 15 an die Kanonen“ beschreibt den Einsatz der Oberschüler als Flakhelfer in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, „Der stumme Protest“ handelt von der Aachener Heiligtumsfahrt 1937. Doch den Cousins geht es um die Gestaltung der Freizeit und sie schaffen etwas Besonderes. Seit Januar 1966 wiederholt sich das Ritual: Immer am dritten Sonntag im Monat, zwischen 9.15 und 9.30 Uhr, tauchen die Wanderer auf dem Eilendorfer Markt auf. Pünktlich um halb zehn fährt der Bus los in Richtung Aachen, an der Bushaltestelle Karlstraße steigt noch eine zweite Wandergruppe zu.

Einen Namen gibt es doch: Die sich hier treffen, sind die „Wanderfreunde Eilendorf“. Der Bus bringt sie an den Startort ihrer Wanderung und nimmt sie am Zielort wieder auf. Er fährt sie zu einem Lokal, wo man sich bei Kaffee und Kuchen erholt, ehe es wieder zurück nach Eilendorf geht. Für die Wanderungen gibt es einen Jahresplan, in dem die wichtigsten Stationen jeder Monatswanderung angegeben sind. Geführt wird von einem Wanderführer, der die Strecke ausgekundschaftet hat. Eine Voranmeldung ist nicht nötig, jeder kommt, wie er kann. Jeder Mitfahrer zahlt einen festen Beitrag für die Busfahrt, kassiert wird während der Fahrt. Kassierer und Wanderführer machen ihre Arbeit ehrenhalber, eben aus Freundschaft. Das ist die Grundkonzeption dieser Wandergemeinschaft, an der auch in den vielen Jahren nichts geändert worden ist.

Hinter dieser unauffälligen Erfolgsgeschichte stecken viel Engagement, Arbeit und Durchhaltevermögen. Paul Bohn sorgte sich anfangs um die Finanzen und die Organisation der Busfahrten. Nach seinem frühen Tod übernahm Hermann Siegers diese Aufgabe, die er bis zu seinem Lebensende mit hohem Einsatz erfüllte. Ihm folgte 1998 Josef Kösch, der dieses „Amt“ mit großer Präzision bis heute ausübt.

Paul Emunds nutzte seine außergewöhnlich umfassenden Kenntnisse der Geschichte der Region für die Planung und Durchführung der Wanderungen im weiten Umkreis um Aachen. Er führte in die Landschaften des Rhein-Maas-Raumes, in die Ardennen, die Eifel, an den Niederrhein, an die Ahr, ins Kempenland usw.

Aus einer Anregung entwickelte Emunds eine weitere Attraktion: Seit 1975 gab es einmal im Jahr eine dreitägige Fahrt zu ferneren Zielen. Mit Rücksicht auf berufstätige Wanderer legte er die Fahrten auf das Pfingstwochenende. Auf Anhieb waren diese Pfingstfahrten ein Erfolg und sind dies bis heute. Brügge, Kleve, Würzburg, die Lüneburger Heide, Metz und Helgoland wurden besucht, um nur einige der 42 Ziele zu nennen. Nach der Wende nutzte man die neuen Möglichkeiten. Unter anderem nach Quedlinburg, Leipzig, Halle, Potsdam, Gotha und Stendal ist man gefahren. Bei den Pfingstfahrten konnten auch Ehemalige mitreisen, denen die Wanderungen zu beschwerlich geworden waren.

Als Paul Emunds 1991 plötzlich starb, übernahm sein Freund Hermann Houben, ehemaliger Professor an der Pädagogischen Hochschule und an der RWTH, ohne Zögern die Nachfolge. Mit Engagement und Sorgfalt war er bis zu seinem 80. Lebensjahr der Wanderführer und Programmgestalter. 2010 ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Für ältere und weniger leistungsfähige Freunde wurde von ihm die „Wandergruppe 2“ eingerichtet. Diese startet mit der Hauptgruppe, geht aber nur etwa sechs Kilometer mit oder einen eigenen Weg und wird dann vom Reisebus aufgenommen und zu einem Restaurant gebracht. Am Nachmittag treffen dann beide Gruppen wieder zusammen.

Bei jedem Wetter

Hermann Houben hat mit zunehmendem Alter umsichtig Teile seiner Aufgaben abgegeben. Organisation und inhaltliche Konzeption der Pfingstfahrten übernahm Gert Kipp, Vetter von Paul Emunds und Kollege am KKG. Jetzt gibt es ein gut harmonierendes Team von fünf Wanderführern, die sich die zwölf Monatswanderungen aufteilen, sich beim Vorwandern und der Lokalsuche gegenseitig helfen und gemeinsam die Jahrespläne aufstellen. Die Wanderungen umfassen Strecken zwischen 13 und 16 Kilometern, gewandert wird bei jedem Wetter, die Teilnahme steht allen Interessierten offen.

In den Anfangsjahren waren oft Kinder, aber auch auffällig viele alleinstehende Frauen und Männer dabei, die eine offen-unverbindliche Gemeinschaft fanden. So ist in den 52 Jahren eine Vielzahl von Freundschaften gewachsen. Derzeit liegt der Fahrpreis bei zehn Euro je Person.

Wer Interesse hat, kann sich den Wanderplan mit allen nötigen Informationen zusenden lassen. E-Mail: josef.koesch@web.de und gertkipp@online.de.

(ki/hau)