Aachen: „Wandelwerk“: Das „gute Leben“ und die Wege dorthin

Aachen : „Wandelwerk“: Das „gute Leben“ und die Wege dorthin

Man braucht bestimmt keine 64 Hexagramme aus dem chinesischen Yijing, dem legendären Orakelbuch der Wandlungen, zu deuten, um in der heutigen Zeit der Philosophie der Madeleine Genzsch folgen zu können. Die Betriebswirtin und Hobbylandwirtin — sie ist aktiv in der Bewegung „soziale Landwirtschaft“ — hat eine Bewegung in Aachen mit Namen „Wandelwerk“ gegründet. Dieser Name ist ihr Programm.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Madeleine Genzsch eine Basisbewegung angestoßen, die aus den Grunderfordernissen des Alltäglichen schöpft, dies in eine Richtung, die man kurz und knapp mit dem Slogan „positiv denken, das aber immer“ umschreiben könnte.

„Wir treffen uns einmal im Monat zu einem Stammtisch“, erzählt die 37-Jährige, die vor vier Jahren aus Heilbronn nach Aachen kam. Das Treffen der Gruppe ist normalerweise im Café Juli an der Sandkaulstraße, am kommenden Dienstag, 12. Juni, 18 Uhr, trifft man sich jedoch im Restaurant Pfannenzauber am Suermondt-Platz.

Bei den Treffen geht es etwa um Themen wie „das gute Leben 2.0“ oder um ein gutes Leben in einer „falschen Wachstumsgesellschaft“. Denn die Forderung nach einem „guten Leben“ ist zentral bei den Wandelwerkern. Sie beinhaltet, dass das Leben der Menschen in den Konsum- oder rein ökonomischen Wachstumsgesellschaften zwar nicht schlecht ist, aber dringend der Wandlung bedarf, im Wandelwerk eben.

„Das Wichtige, das sind die Menschen“, sagte Genzsch. Sie begründet den Wechsel hin zu einer „Postwachstumsgesellschaft“, in der die Menschen selbst wieder ihre Bedürfnisse erkennen und nicht ein hektischer Alltag die Lebensqualität vermiese.

„Ich habe große Hoffnung, dass ganz konkret bei den Menschen ganz viel passiert“, sagt Genzsch und verweist auf die vielen Bildungsaktivitäten des Wandelwerks. „Wachstum auf Kosten der Menschen, das muss aufhören“, erklärt sie und wirbt für eine „Gemeinwohlökonomie“ für den Einzelnen und die Gemeinschaft. Und das alles gehe auch, wenn nur jeder auf sich selbst schaue und Stück für Stück sein eigenes kleines Leben zum Besseren wende.

Dabei erinnert sie an Graswurzelbewegungen wie das „Hirschgrün“, den urbanen Gemeinschaftsgarten an der Richardstraße, in dem viele Freiwillige und umweltbewusste „Ökos“ gegen bürokratische Widerstände ein Stück innerstädtische Gartenparadies geschaffen haben — und es erhalten.

Es geht beim Wandelwerk um ein Netzwerk mit dem Ziel, auch ein Leben in einer industriellen Konsumwelt durch bewusste persönliche Entscheidungen Stück für Stück ein bisschen besser zu machen. „Besser machen, das kann jeder für sich“, behauptet Genzsch, und dabei gehe es nicht nur um „besser“, sondern gleichermaßen um „schöner“. Schönes oder zumindest ein schöneres Leben ist bei ihr ein Zentralbegriff.

Belohnen müsse man, nicht bestrafen und auf „Markplätzen“, also im Internet, und in persönlichen Netzwerken Stück für Stück gute Ideen vertreten: weniger Plastik, reines Wasser für alle, tiergerechte Haltung, Müllvermeidung, alternatives und bezahlbares Wohnen. Die Belohnungsidee könne man schnell umsetzen, etwa von Künstlern gestaltete Buttons anschaffen, die regelmäßig im Alltag „bei guten Taten“ verteilt werden. Oder man schaffe richtige Vergünstigungen für Menschen, die im Ehrenamt Gutes tun.

Jedem seine persönliche Liste

Hilfreich sei auch eine „ganz persönliche Selbstverpflichtung“, appelliert sie an die Moral des Individuums. „Man soll sich eine Liste mit zwölf Vorhaben machen, in denen man besser werden will“, und sie dann Punkt für Punkt abarbeiten. Sie selber sei Veganerin, das müsse aber nicht jeder sein: „Wenn nur jeder ein Stück Fleisch weniger isst, dann hat das große Auswirkungen.“

So wolle das Wandelwerk das Leben von unten verändern, es gebe immer mehr und vielfältigere Ansätze und Netzwerke. Einen Überblick etwa gebe eine vom Aachener „Eine Welt Forum“ an der Schanz geplante „Mitmach-Konferenz Gutes Leben 2.0“. In der Bildungsstätte am Rolleferberg sollen am 29. und 30. Juni unter dem Generalthema „Ideen für den Wandel“ Vorträge und Workshops stattfinden. Ihre gemeinsame Zielrichtung: ein gewandeltes „gutes Leben“ und die Wege dorthin.

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