Wahlforum zur Städteregionsratswahl in Aachen

Wahlforum im Medienhaus : Wahl zum Städteregionsrat: Kandidaten stellen sich Fragen der Leser

Dass man an diesem Abend keinen Umweg um den Hambacher Forst und den Ausstieg aus der Braunkohle machen konnte, war klar: Das Thema Strukturwandel bestimmte in weiten Teilen die Diskussion beim Wahlforum, zu dem das Medienhaus Aachen eingeladen hatte.

Fünf der Kandidaten, die am Sonntag zur Wahl des neuen Städteregionsrates antreten, standen auf dem Podium den Fragen der Redaktion und unserer Leser Rede und Antwort: Tim Grüttemeier für die CDU, Daniela Jansen für die SPD, Oliver Krischer für die Grünen, Marcel Foré für die ÖDP und Albert Borchardt für die Linken. Rund 110 Gäste waren zum Diskussionsabend ins Medienhaus gekommen, viele weitere User verfolgten die Debatte online im Livestream.

Im ersten Teil des Abends nahmen die beiden Moderatoren, Chefredakteur Thomas Thelen und René Benden, Leiter der Lokalredaktionen, die Kandidaten einzeln in die Mangel. Sie erfuhren von Daniela Jansen, dass sie das Wort „Panikstrategie“ heute nicht mehr verwenden würde, wenn sie über den Kampf des amtierenden Städteregionsrats Helmut Etschenberg gegen das Atomkraftwerk im belgischen Tihange spricht: „Damit habe ich Reaktionen ausgelöst, die ich nicht beabsichtigt habe“, sagte sie. Von Marcel Foré erfuhren die Moderatoren, dass es zwischen seiner Ökologisch Demokratischen Partei und den Grünen gar nicht so viele Unterschiede, sondern auch viele Gemeinsamkeiten gebe.

„Düren ist das kleine Aachen“

Albert Borchardt verriet, dass er bei den Themen, die ihm am Herzen liegen, hartnäckig sein kann und im Eschweiler Stadtrat, in dem er sitzt, auch schon einmal als „Pitbull“ bezeichnet werde. Oliver Krischer kommt aus Düren. Aus seiner Sicht ist einerseits „der Blick von außen“ hilfreich, um die Probleme der Städteregion anzugehen. Andererseits räumte er ein, dass „Düren irgendwie das kleine Aachen“ sei, auch wenn ein Dürener das sicherlich nicht gerne zugebe. Auf die Frage, warum er künftig in Aachen statt in Berlin arbeiten wolle, obwohl seine Partei im Aufwind sei, sagte Krischer, es gehe ihm, egal an welcher Stelle, um die Arbeit für die Region. Es sei nicht immer schön, als kleine Oppositionspartei im Bundestag zu arbeiten.

Tim Grüttemeier, amtierender Bürgermeister der Stadt Stolberg, betonte, dass ihm die Entscheidung, als Nachfolger von Etschenberg zu kandidieren, nicht leicht gefallen sei. „Aber Stolberg ist ja Teil der Städteregion, also kehre ich der Stadt nicht ganz den Rücken.“ Grüttemeier hatte mehrfach erklärt, dass er nicht mehr als Bürgermeister kandidieren werde – auch für den Fall, dass er die Wahl zum Städteregionsrat nicht gewinnen sollte.

Belgien und der Blackout

So vielseitig die Themen sind, mit denen sich die Städteregion befassen muss, so vielseitig waren auch die Fragen aus dem Publikum: Viele äußerten Bedenken und Sorgen zum Thema Energieversorgung – ob nun wegen eines möglicherweise drohenden atomaren Unfalls in Belgien oder wegen der Klimaverschmutzung durch Braunkohle. Man müsse den Menschen Verlässlichkeit geben, was die Zukunft des Tagebaus angeht, erklärte Grüttemeier mit Verweis auf eine Leitentscheidung aus dem Jahr 2016 der damaligen rot-grünen NRW-Landesregierung. „Für viele Menschen ist das eine Klimaschutz-Debatte, für die Mitarbeiter von RWE geht es um deren Existenz.“

Krischer erwiderte, dass man die Themen Klimaschutz und Arbeitsplätze nicht gegeneinander ausspielen dürfe. Gerade die Städteregion habe großes Potenzial, interessante Arbeitsplätze zu bieten – beispielsweise in der Produktion von Elektrofahrzeugen. Borchardt wies darauf hin, dass man nicht erst auf den letzten Drücker darüber nachdenken dürfe, was mit dem Kraftwerksstandort Weisweiler passiert. „RWE ist spät dran“, sagte er. Jansen zeigte Verständnis für die Frustration der Menschen, die wegen des Tagebaus bereits umgesiedelt wurden: „Für den Erhalt des Hambacher Forstes und für das Ende des Braunkohleabbaus wird jetzt demonstriert. Die Leute fragen sich: Wo waren die Demonstranten, als es um unsere Häuser ging?“

Konsens beim Thema Wohnen

Neben Klima und Arbeit war Wohnen ein weiteres zentrales Thema des Abends – wenn auch kein besonders strittiges. Dass es zwischen der Städteregion und den Kommunen bessere Absprachen geben müsse, um den Bedarf an Wohnungen und die Möglichkeiten zur Errichtung preiswerter Wohnungen zu klären, darüber bestand weitestgehend Konsens.

Weitere Themen des Abends waren Gesundheit und Mobilität. Ein großes Problem der Städteregion sieht Grüttemeier in der ärztlichen Versorgung, vor allem auf dem Land: „Zwei Drittel der Hausärzte in der Region sind älter als 60 Jahre“, sagte er, das werde ein riesiges Problem. Auch die Konzentration auf Notfallpraxen sei problematisch, ebenso die Notfalldienste der Apotheken. Darum wolle er einen Runden Tisch ins Leben rufen, an dem Krankenkassen, Ärzte, Kliniken und Apotheker miteinander an einer Lösung arbeiten.

Ob zur Arbeit oder zur Apotheke: Die Fahrt mit dem Bus zu einem Ziel, das außerhalb der eigenen Gemeinde liegt, kann in der Städteregion beschwerlich sein. „Die Regio-Tram, die in der Diskussion ist, halte ich für einen guten Ansatz“, sagte Jansen. Albert Bochardt warb für die bestehende Euregiobahn, in seinen Augen auch heute schon ein Erfolgsmodell.

Dass die Städteregion in den Köpfen der Menschen – vor allem der Aachener Bürger – auch nach zehn Jahren noch nicht richtig angekommen ist, wird von den Kandidaten unterschiedlich bewertet: „Welpenschutz“ habe das Konstrukt noch verdient, sagte beispielsweise Daniela Jansen. Für das Ende des Kirchturmdenkens sprachen sich Grüttemeier und Krischer aus, wobei letzterer betonte, dass auch die Repräsentanten aus Aachen und der ganzen Region nicht von ihrer Stadt oder Gemeinde, sondern von der Städteregion sprechen sollten.

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