Aachen: Vor dem Lernen erst mal Schlange stehen

Aachen : Vor dem Lernen erst mal Schlange stehen

Morgens um sieben stehen die ersten schon vor der Tür. Wer nach acht kommt, hat kaum eine Chance, einen der begehrten Plätze zu ergattern. Vor der RWTH-Zentralbibliothek und der Bibliothek 2 am Templergraben bilden sich morgens wieder lange Schlangen von Studierenden, die auf einen Lernplatz hoffen.

Dabei geht die Klausurphase an der Hochschule jetzt erst richtig los.

Alle wollen lernen, nicht alle kriegen einen Platz: Vor der RWTH-Bibliothek auf dem Templergraben bilden sich jeden Morgen zwischen sieben und acht Uhr lange Schlangen. Im Innenhof des Kármán-Auditoriums ist ein Zeltbau mit 240 Lernplätzen aufgebaut worden. Ab Dienstag soll er zur Verfügung stehen. Foto: Ralf Roeger

Mehr als 44.000 Menschen studieren an der RWTH, und wenn es auf die Prüfungen zugeht, sind Arbeitsplätze für die Vorbereitung Mangelware. So angespannt ist die Situation, dass die Hochschule kurzfristig mehr Platz zum Lernen schafft. Ab Dienstag ist im Innenhof des Kármán-Auditoriums ein Behelfsbau geöffnet. In dem stabilen Zelt stehen 240 Plätze zusätzlich zur Verfügung. Im Hörsaalzentrum „Carl“ sollen ab Montag drei Seminarräume für die Lernenden freigegeben werden. Das bringt noch einmal 120 Plätze. An der Fachhochschule Aachen hofft man indes, „zeitnah“ mit einem Neubau beginnen zu können, der 150 neue Lernplätze bieten soll.

Freitagmorgen, 7.45 Uhr: „Die Schlangen werden von Tag zu Tag länger“, erzählt ein Maschinenbaustudent, der sich vor der „Bib 2“ eingereiht hat. „Jetzt stehen die Leute schon bis zur Straße.“ Mittlerweile muss der Andrang dort mit Flatterband und Aufpassern kanalisiert werden. Neuankömmlinge, die sich zu ihren Freunden nach vorne in die Schlange mogeln wollen, kriegen den geballten Unmut der Wartenden zu spüren. Und wer versucht, neben dem eigenen Arbeitsplatz auch noch einen für den Kumpel zu reservieren, muss mit Zoff rechnen.

So begehrt sind die Plätze in der Bibliothek, dass es sogar ein Platz-Sharing-System gibt: Wer eine Pause macht, hinterlässt eine Art Parkscheibe, damit andere sich vorübergehend dort niederlassen können. Abhilfe schaffe das kaum, berichten Studierende. Mittags, wenn alle essen gehen, seien alle Plätze mit Material belegt, die Lernräume aber so gut wie leer.

Die beiden RWTH-Bibliotheken am Templergraben mit insgesamt mehr als 500 Lernplätzen gehören zu den ersten Adressen, wenn für Prüfungen gearbeitet wird. Die Lernräume liegen zentral, die Plätze sind modern und komfortabel eingerichtet und entsprechend beliebt. „Die Bibliothek ist heiß begehrt“, bestätigt Renate Kinny von der Pressestelle der RWTH. Allen, die dort leer ausgehen, rät sie, auf andere Gebäude auszuweichen. Die aktuellste Übersicht bietet laut Kinny derzeit der Flyer „Lernräume“, den der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) aufgelegt hat. Neben den beiden Bibliotheksbauten sind dort 25 weitere Adressen verzeichnet.

Eine gute Anlaufstelle für die Klausurvorbereitung war bisher auch das Sparkassenforum im Super C (258 Plätze). Doch dieser Lernraum wurde nun geschlossen. Das Forum werde für die anstehende Erstsemester-Einschreibung gebraucht und müsse schon jetzt hergerichtet werden, erläutert Kinny. „Da muss zwei Wochen lang umgebaut werden.“

Auch der AStA sieht in Sachen Lernräume dringenden Handlungsbedarf. „Es gibt zu wenig Lernplätze“, sagt der AStA-Vorsitzende Justus Schwarzott. Am Freitag beriet er mit Vertretern der RWTH-Bauabteilung, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Man sei übereingekommen, Räume abends nach Möglichkeit länger offen zu lassen“, sagt er. Allerdings werden an der RWTH mehr als 1200 Klausuren geschrieben. Auch dafür ist Platz nötig. Und die Klausurphase ist extrem kurz in diesem Jahr.

Ansonsten, sagt der AStA-Vorsitzende, sei die neue „Lernraum-Ampel“ vielleicht ganz hilfreich. Der AStA hat die App gemeinsam mit der Hochschule und dem Rechenzentrum entwickelt. Freie Lernplätze werden hier über die Auslastung der WLAN-Zugangspunkte ermittelt und angezeigt. Hier kann sich der interessierte Studi die aktuelle Auslastung der Lernräume anschauen — samt Prognose für die nächsten 24 Stunden. Könnte in der Tat hilfreich sein. Schließlich macht die Zentralbibliothek erst um Mitternacht zu. Auch samstags und sonntags.

FH-Studenten unzufrieden

An der Fachhochschule Aachen ist die Klausurphase bereits in vollem Gange. Gerangel um die Lernräume gibt es auch hier. „Die Situation ist nicht ganz so schlimm wie an der RWTH, aber ähnlich“, sagt FH-Pressesprecher Roger Uhle. Bei einer Umfrage in der FH-Bibliothek an der Eupener Straße gab vor kurzem die Hälfte der Befragten an, mit dem Bestand an Lese- und Arbeitsplätzen unzufrieden zu sein. „20 Prozent finden auch die Ausstattung nicht so toll“, berichtet Uhle. Bibliotheksleiterin Andrea Stühn habe dafür gesorgt, dass weitere Plätze eingerichtet würden. Eine wirkliche Verbesserung aber verspricht man sich von geplanten 150 neuen Leseplätzen, die in einem Anbau an der Eupener Straße untergebracht werden sollen. „Wir haben mit dem Ministerium vereinbart, dass wir dafür Mittel des Hochschulpakts nutzen können“, berichtet Uhle. Baubeginn für den Neubau soll in den nächsten Wochen sein.

Wie mühsam der Kampf um neue Lernräume ist, musste auch Rektor Marcus Baumann erfahren. 2009, als er Rektor wurde, hätte er gerne Räume der FH-Mensa an der Hohenstaufenallee zu Lernräumen umgewidmet. Daraus wurde nichts, weil die Finanzierung des Projekts nicht geregelt werden konnte. Und Prof. Michael Wulf, Prorektor für Hochschulstrategie an der FH, erinnert daran, dass man im Fachbereich Architektur seinerzeit sogar kleinere Büroräume in Kauf genommen habe, um mehr Lernräume für Projektarbeiten einrichten zu können.