Vor 60 Jahren: Bildchen gehört wieder zu Aachen

Seit 60 Jahren gehört der Weiler wieder zu Aachen : Um Mitternacht wurde Bildchen wieder deutsch

Am 28. August 1958 wurde der Weiler Bildchen wieder deutsch. Grundlage der Grenzbereinigung war ein Vertrag zwischen dem Königreich Belgien und der Bundesrepublik Deutschland. Bei einem Empfang erinnerten jetzt Zeitzeugen an die Ereignisse vor 60 Jahren.

­­­In der Nacht, als die deutsch-belgische Grenze verschoben wurde, als Deutschland ein Stückchen größer wurde, da floss – so wird es jedenfalls erzählt – schon Minuten nach Mitternacht im Lokal „Grenzhof“ wieder deutsches Bier aus dem Zapfhahn. Am 28. August 1958 wurde der Stadtteil Bildchen an Aachen zurückgegeben. Als das jetzt, 60 Jahre später, gefeiert wurde, stand Bier auf dem Tisch – deutsches und belgisches.

Marianne Conradt, die Bezirksbürgermeisterin von Aachen-Mitte und damit auch von Bildchen, hatte anlässlich des 60-Jährigen zum Jubiläumsempfang ins Gemeindezentrum Maria im Tann eingeladen. Zum Jahrestag im August sei wegen der Sommerferien kein Empfang im Rathaus möglich gewesen, erinnerte sie. Deshalb sei das Rathaus nun eben in die Nähe von Bildchen gekommen. Conradt formulierte das ganz vorsichtig. Denn streng genommen gehört das Gemeindezentrum nicht zu Bildchen, das nehmen die alten Bildchener ziemlich genau.

Die letzte Grenzverschiebung mit Belgien vor 60 Jahren setzte den Schlusspunkt unter eine wechselvolle Geschichte, die der kleine Weiler im äußersten Südwesten der Stadt, unweit der Lütticher Straße, erlebt hat. Vor dem Ersten Weltkrieg war Bildchen ein Teil von Preußisch-Moresnet, durch den Versailler Vertrag ging das Dorf an Belgien über. 1922 wurde Bildchen im Zuge von Grenzkorrekturen wieder deutsch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Bildchen und einige andere Gebiete 1949 unter belgische Militärverwaltung gestellt. Für Bildchen dauerte diese belgische Zeit neun Jahre. Ein 29 Seiten umfassendes Gesetz regelte schließlich die „Berichtigung der deutsch-belgischen Grenze“, erklärte Marianne Conradt in ihrer Ansprache. Am 28. August 1958, null Uhr, wurden dann Bildchen, Lichtenbusch, Losheim, Hemmeres und weitere kleine Gebiete in die Bundesrepublik eingegliedert.

Unterricht auf Deutsch und Französisch

Robert Leffin war 19 Jahre alt, als Bildchen wieder zu Aachen kam. An die Ereignisse kann sich der heute 79-Jährige noch gut erinnern. Foto: rr/Ralf Roeger

Es gibt noch Menschen in Bildchen, die diese Nacht miterlebt haben. Albert Wehren zum Beispiel. Er war damals 14 Jahre alt und hat im „Grenzhof“ mitgefeiert. Ob aber wirklich schon kurz nach Mitternacht deutsches Bier gezapft wurde? „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt er und lacht. Gut in Erinnerung hat er aber noch seine belgische Schulzeit von 1949 bis 1958. Unterricht gab es teils auf Deutsch, teils auf Französisch. Albert Wehren ging danach bei einem Elektriker in die Lehre, auf deutscher Seite in einem Betrieb an der Aachener Jakobstraße. Das machte den Weg zur Arbeit oft etwas beschwerlich. „Am deutschen Zoll musste ich jeden Morgen die Taschen aufmachen“, erzählt er. „Die Zöllner wollten sehen, ob Kaffee oder Zigaretten drin waren.“ Wegen der Kontrollen verpasste Wehren manches Mal seine Straßenbahn und musste hinterherrennen. „Aber die Tram fuhr im Wald ja nicht so schnell.“

Robert Leffin war 19, als Bildchen wieder deutsch wurde. Den Ausweis, die gelbe Carte d'Identité aus der belgischen Zeit, besitzt er heute noch. Dass Bildchen neun Jahre zu Belgien gehörte, hatte für die Bewohner durchaus auch Vorteile. Dort gab es Lebensmittel, die jenseits der Grenze nicht zu kriegen waren. „Schokolade, Kaffee, wir hatten alles“, erinnert sich der heute 79-Jährige. Und als das elterliche Haus nach den Zerstörungen des Krieges wieder hergerichtet wurde, „da konnte mein Vater die Handwerker in Aachen mit belgischen Zigaretten bezahlen“.

Nach der Rückgliederung nach Deutschland meldete sich bei den jungen Männern im wehrpflichtigen Alter in Bildchen auch zügig die Bundeswehr. „Ich war der Zweite hier, der seinen Einberufungsbescheid kriegte“, erinnert sich Robert Leffin. Zur Musterung musste er in die Oppenhoffallee.

Als Bildchen wieder deutsch wurde, war StadtinspektorAloys Freh mit der Rückgliederung betreut. Im Namen der Stadt Aachen und in Anerkennung seiner Verdienste überreichte Marianne Conradt, Bezirksbürgermeisterin von Aachen-Mitte, dem heute 90-Jährigen ein Buchgeschenk. Foto: Günther Sander

Generalmajor Bolle

In den neun Jahren unter vorläufiger belgischer Verwaltung wurden die Geschicke Bildchens von einem gewissen Generalmajor Bolle gelenkt. Auch an ihn und seine „weise und sanfte Amtsausübung“ erinnerte Marianne Conrdt bei der Feierstunde. Nach ihrem Verwalter nannten die Leute in Bildchen ihren Ort scherzhaft auch „Bollenien“. „Meine Mission ist am heutigen Tag zu Ende gegangen“, soll Bolle am 28. August 1958 gesagt haben.

Und damit begann in Bildchen die große Zeit des Aloys Freh. Er war damals Stadtinspektor und mit der Rückgliederung Bildchens in die Stadt Aachen beauftragt. „Eine Herkulesaufgabe“, sagt die Bezirksbürgermeisterin rückblickend. Rund 500 Männer, Frauen und Kinder brauchten ja neue Ausweise. Deutsche Führerscheine waren auszustellen. Freh richtete eine Verwaltungsstelle Bildchen an der Lütticher Straße ein und organisierte von dort aus alle Verwaltungsaufgaben. Aachens damaligem Oberbürgermeister Hermann Heusch verdankt Aloys Freh den liebevollen Beinamen „Bürgermeister von Bildchen“. „Und den Ehrentitel trägt er zu Recht“, sagte Marianne Conradt.

An der Feier im Gemeindezentrum konnte der mittlerweile 90-jährige Freh leider nicht teilnehmen. Conradt schaute aber anschließend bei ihm zu Hause vorbei und überreichte als Geschenk der Stadt Aachen einen Bildband.

Einen Gedanken hob die Bezirksbürgermeisterin besonders hervor. Dass man heute so fröhlich-entspannt über die wechselvolle Geschichte von Bildchen sprechen könne, „das verdanken wir der europäischen Einigung. Das kann man heute, wo sich überall wieder die alten mit Nationalismus getränkten Gedanken regen, nicht laut und deutlich genug sagen. Gerade Aachen und seine Nachbarn sind doch ein gutes Beispiel dafür, wie es gehen kann und muss.“ Beifall in der Runde. Angestoßen wurde dann mit Sekt – und anschließend mit Bier.

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