Größter Vereinserfolg am Tivoli: Vor 50 Jahren: Plötzlich Vizemeister

Größter Vereinserfolg am Tivoli : Vor 50 Jahren: Plötzlich Vizemeister

Jupp oder Josef? Auf dem Klingelschild des Einfamilienhauses in Kohlscheid mit den vielen Sternsingerzeichen an der Haustüre steht nur Martinelli. „Das ist mir egal. Jupp kommt von meinem Vater, der hieß auch Jupp“, entgegnet der inzwischen 83-Jährige.

Bekannt ist er natürlich als Jupp. Jupp Martinelli, die Fußballlegende – immer noch.

Ziemlich genau 50 Jahre ist es her, dass er mit Alemannia Aachen die Deutsche Vizemeisterschaft errang – auch zur eigenen Überraschung. Am letzten Spieltag, dem 7. Juni 1969, rutschten die Schwarz-Gelben nämlich durch ein 1:0 im Berliner Olympiastadion vor 50.000 Zuschauern auf den zweiten Platz hinter Meister Bayern München, auch weil Mönchengladbach 5:6 in Bremen unterlag.

Die Mannschaft wurde im Triumphzug durch Aachen geleitet und schließlich von 10.000 Aachenern auf dem Markt empfangen. Natürlich seien dabei auch glückliche Umstände im (Fußball-)Spiel gewesen, sieht Jupp Martinelli die Geschichte vom größten Erfolg der Kartoffelkäfer, der sich bis heute fest ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, ein halbes Jahrhundert später einigermaßen illusionslos. „Wir hatten zufällig das beste Torverhältnis.“

Die große Ernüchterung folgte schon ein Jahr später. Mit 83 Gegentoren und nur einem einzigen Auswärtspunkt stieg die Alemannia als Tabellenletzter ab, Jupp Martinelli beendete 1970 nach internen Differenzen postwendend seine erstaunliche Karriere. Doch für so wichtig hält er die Vizemeisterschaft vor 50 Jahren nun auch wieder nicht, dafür war Jupp Martinelli zu lange dabei. „Ich habe so viele Dinge erlebt, die mit dem Sport zu tun haben. Das Pokalendspiel 1965 war genauso schön wie die Vizemeisterschaft“, erzählt er. Das ging allerdings 0:2 gegen Borussia Dortmund verloren, nachdem die Tivoli-Elf im Halbfinale 4:3 gegen Schalke gewonnen hatte.

Dasselbe Ergebnis, ebenfalls gegen Schalke, gab es auch bei seinem Einstieg in die Oberliga West am 22. August 1954. Der 18-jährige Jupp Martinelli schoss seinerzeit das Ausgleichstor zum 2:2. In diesen 16 Jahren, von 1954 bis 1970, schoss er 141 reguläre Tore für seinen Lieblingsverein, er galt als Alleskönner und trug alle Trikotnummern, spielte als Torwart, Verteidiger, rechter Läufer, Rechtsaußen, Halbrechts oder Mittelstürmer, war oft genug der erfolgreichste Angreifer der Alemannia.

Oder „mein verlängerter Arm in der Mannschaft, Kopf und Kapitän“, wie es später einmal der ebenso in die Geschichtsbücher eingegangene, Anfang 2018 verstorbene Mitspieler und Erfolgstrainer Michel Pfeiffer formulierte. Dabei war es gar nicht so klar, dass Multitalent Jupp Martinelli als Kicker Karriere machen würde, obwohl er schon als Jugendlicher beim Kohlscheider BC dem Ball nachgejagt war. Seine Liebe als Jugendlicher galt nämlich ebenso der Leichtathletik. 1954 wurde er mit der A-Jugend des DLC Aachen deutscher Vizemeister im Fünfkampf in Ludwigsburg – gefördert von seinem Turnlehrer am Kaiser-Karls-Gymnasium, Friedel Krings.

Auch auf der damaligen Elitepenne KKG spielte er bereits mit 15 Jahren in der Fußballmannschaft, seine Mitspieler waren mindestens drei Jahre älter als er. Gleich der erste Einsatz führte zu einer Sensation: Das KKG schlug zum ersten Mal das Couven-Gymnasium, Jupp Martinelli trug satte drei Tore zum Erfolg bei – eine schöne Geschichte.

Als dann Alemannia immer stärker lockte, verbot Direktor Dr. Schmitz dem Obersekundaner, einen Profivertrag zu unterschreiben, außerdem werde er seine Leistung sorgfältig im Auge behalten. Also blieb Spitzenspieler Martinelli Amateur und kassierte deshalb kärgliche acht Mark Spesen pro Heimspiel. Die Noten bis zum Abi wurden nach dem deutlichen Hinweis des Direktors sogar besser statt schlechter – trotz drei Mal Training pro Woche mit der Oberliga-Alemannia.

Und auch die Reifeprüfung 1956 wurde souverän gemeistert. Anschließend ging Jupp Martinelli zur Stadt Aachen, begann eine Lehre als Inspektorenanwärter und hielt – wie der Alemannia – der Stadt die Treue bis zum Berufsende. 1997 ging er als Leiter des Versicherungsamtes in Pension.

Natürlich gab es in seinem langen Sportlerleben nicht nur positive Erlebnisse. Dass Alemannia 1963 bei der Gründung der Bundesliga außen vor blieb, ärgert ihn immer noch. Trotz bester Voraussetzungen wie geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen und der Aussicht auf ein nagelneues – inzwischen freilich wieder abgerissenes – Stadion, den alten Tivoli halt. Auch ein Spiel gegen Pirmasens ist Jupp Martinelli in bleibender Erinnerung geblieben. Bei einem Fallrückzieher hatte er die Nase gebrochen, ausgewechselt werden durfte damals noch nicht. Als dann Libero Branco Zebec verletzt ausfiel, „musste ich nach hinten, mit gebrochener Nase“.

Bescheiden geblieben

Das große Geld war seinerzeit im Fußball nicht zu verdienen, für Jupp Martinelli spielte es ohnehin keine Rolle. Er ist bis heute auf dem Boden und bescheiden geblieben. Ihm ging es mehr um das sportliche Erlebnis, die Geselligkeit und die Pflege der Gemeinschaft, die sicherlich wichtige Voraussetzungen für den weithin gerühmten Kampfgeist auf dem Tivoli waren, dem auch Szenegrößen wie Bayern München später Tribut zollen mussten.

Noch heute geht der 83-Jährige, Ehrenmitglied seit 2014, zu jedem Heimspiel seiner Alemannia, musste allerdings die sportlichen Ansprüche stark nach unten schrauben. Dennoch versucht er auch hier das Positive zu sehen: „Die machen jedes Mal was draus.“

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