Aachen: Von verängstigten Spaziergängern und genervten Hundehaltern

Aachen : Von verängstigten Spaziergängern und genervten Hundehaltern

Verängstigte Spaziergänger und genervte Hundehalter: Menschen und Tiere knurren sich oft gegenseitig an, weil sie die Spielregeln nicht kennen. Ohne Leine geht, außer Kontrolle geht gar nicht. Schlecht erzogene Hunde verderben den Ruf.

Leinen los für Fynn und Mentos. Die Deutsche Dogge und der weiße Schweizer Schäferhund können im Aachener Wald gleich hinter dem Gemeindeforstamt frei herumlaufen. „Die dürfen das“, sagt ihr Frauchen.

Weil aber manche Spaziergänger, Jogger oder Radler das anders sehen, gibt es mitunter heftige Diskussionen. Deshalb will die Hundehalterin auch nicht namentlich in der Zeitung erwähnt werden, lassen wir es also bei Frauchen. „Dabei tue ich ja gar nichts Ungesetzliches.“

Das bestätigt auch Holger Herff, der beim Aachener Ordnungsamt für das Hundewesen zuständig ist. „Eine Anleinpflicht besteht in zusammenhängend bebauten Ortslagen“, sagt er. Der Öcher Bösch ist bekanntlich nur unzusammenhängend mit ein paar Schutzhütten bebaut. Gibt es also den selben Unterschied wie bei der Straßenverkehrsordnung, wo innerhalb geschlossener Ortschaften andere Regeln gelten als außerhalb?

„So einfach ist das nicht“, sagt Herff und greift zu dem Büchlein, in dem die Vorschriften des Landeshundegesetzes zusammengefasst sind. Im Wald gelte außerdem noch das Landesforstgesetz, erklärt der Fachmann. Ein kleines Jurastudium müssen Hundehalter deshalb nicht absolvieren, womöglich aber einen Sachkundenachweis erbringen.

Frauchen kennt das: „Klar, die 40/20-Regelung.“ Wenn Hunde größer als 40 Zentimeter und/oder schwerer als 20 Kilogramm sind, gelten sie vor dem Gesetz als „große Hunde“. Gemessen werde die Höhe „von der Pfote bis zum Widerrist“, erklärt Herff, aufmerksam aufgestellte Ohren werden also nicht mitgerechnet. Wegen der Gewichtsgrenze könnte theoretisch auch ein übergewichtiger Dackel als großer Hund im Sinne des Gesetzes gelten.

Üblicherweise fallen aber Schäferhunde, Border Collies oder Golden Retriever und ihre Artgenossen mit solchen Dimensionen in diese Kategorie. „Die müssen bei der Ordnungsbehörde angezeigt werden“, sagt Herff. Folglich müsste ihm jeder Öcher Schäferhund von Amts wegen bekannt sein — aber das glaubt er selber nicht.

„Viele meinen, mit der Anmeldung für die Hundesteuer sei es getan“, weiß Herff, „aber sie müssen ihre Tiere auch bei uns im Ordnungsamt melden.“ Und so dürften eine ganze Reihe von großen Hunden durch Aachen laufen, deren Besitzer nicht den mit der Anmeldung verbundenen Sachkundenachweis erbracht haben.

Für die muss Frauchen beim Spaziergang mitdenken: „Manche wissen gerade mal, wie sie ihren Hund füttern müssen“, sagt sie, „ansonsten können sie mit ihrem Tier nicht richtig umgehen.“ Oft hätten sie ihre Hunde nicht unter Kontrolle und könnten sie zum Beispiel nicht zurückpfeifen, wenn es mal kritisch werde.

Wirklich kritisch wird es zwar nicht an diesem Morgen, an dem die „Nachrichten“ zusammen mit Fynn, Frauchen und Mentos durch den Öcher Bösch spazieren. Aber andere Spaziergänger könnten das subjektiv anders empfinden.

Zum Beispiel die beiden Wanderer, die Mentos aus einiger Entfernung mit wachem Blick fixiert. Beißt der? Stürmt der gleich los? Frauchen pfeift Mentos vorsichtshalber zurück, was gar nicht nötig gewesen wäre. „Wir kennen ja Ihren Hund“, sagen die beiden.

Überhaupt kennt man sich auf dieser morgendlichen Runde am Stauweiher Kupferbach, Hunde und Menschen gleichermaßen. Deshalb kann Frauchen schon von Weitem Rüden und Hündinnen unterscheiden. „Der da ist kastriert“, sagt sie und zeigt auf einen entgegenkommenden Schweizer Sennenhund. „Bin ich nicht“, stellt der Mann neben ihm lachend klar.

Fynn und Mentos begrüßen den alten Bekannten nicht nur schwanzwedelnd, etwas Geknurre gehört bei den Herren durchaus zum guten Ton. Aber es ist schnell geklärt, danach tollen sie gemeinsam herum. Ganz brav nur auf dem Waldweg und nicht abseits davon im Unterholz — die Hunde scheinen die Gesetzeslage zu kennen. Auch die alte Nelly biegt noch um die Ecke und spielt mit, während die Hundehalter über die alltäglichen Konfliktfälle diskutieren.

Jogger zum Beispiel, die beim Anblick freilaufender Hunde hektisch werden und mit den Armen fuchteln. Mancher Möpp empfinde das als Drohgebärde und werde seinerseits auch unfreundlich, erklären sie. Ist also der Läufer selber schuld? Abwehrendes Kopfschütteln in der Runde: Man müsse sich halt arrangieren im Aachener Wald, der als Naherholungsgebiet von vielen geschätzt wird.

An sonnigen Wochenenden drehe sie wohlweislich in aller Herrgottsfrühe ihre Runde, sagt eine Hundebesitzerin, dann komme sie den Sonntagsspaziergängern gar nicht in die Quere. Und wenn jemand Fynn oder Mentos misstrauisch beäugt und Frauchen darum bittet, sie an die Leine zu nehmen, dann wird der Freilauf so lange unterbrochen, „bis wir aneinander vorbei sind“.

Aber es gebe halt auch viele Hundehalter mit dem bekannten Klassiker im Repertoire: „Der tut nix, der will nur spielen!“ Dazu gehört für manchen Vierbeiner auch das freundlich gemeint Anspringen; auch wer sich davon nicht erschrecken lässt, ärgert sich aber über die von den Pfoten versauten Klamotten. „Geht gar nicht“, meint Frauchen. Und überhaupt: „Wer seinen Hund nicht unter Kontrolle hat, sollte ihn auch nicht von der Leine lassen.“

Es kommt aber immer wieder vor und sorgt für Verdruss bei allen Beteiligten. Jogger suchen sich andere Laufstrecken, weil sie sich von freilaufenden Hunden genervt fühlen, Spaziergänge verlaufen weniger entspannt, und die Freunde der Vierbeiner fühlen sich auch nicht wohl.

„Die schlecht erzogenen Hunde verderben uns allen den Ruf“, klagt eine aus der Runde am Stauweiher. Und das schlage mitunter durch auf die Umgangsformen der Menschen im Wald. „Es geht nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme“, sagt Frauchen.

Holger Herff schiebt sein Landeshundegesetzbüchlein beiseite und wird pragmatisch: Es gehe doch letztlich um den respektvollen Umgang miteinander, Vorschriften hin oder her. „Wenn mir ein paar Radfahrer entgegenkommen, leine ich meinen Hund doch besser an“, sagt er, auch wenn das womöglich nicht zwingend vorgeschrieben sein sollte an dieser Stelle außerhalb zusammenhängend bebauter Ortslagen...

„Ist doch egal“, meint Herff, „wenn es zu Problemen oder Streitigkeiten kommt, verderbe ich mir damit doch bloß unnötigerweise den Tag.“

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