Von-Clermont-Museum soll Touristen nach Vaals locken

Hochtrabende Museumspläne stoßen auf Kritik : Gemeindehaus an Investoren zu verschenken?

Das Gemeindehaus im niederländischen Vaals soll nach den Plänen einer Beratungsfirma zu einem interaktiven Von-Clermont-Museum umgebaut werden, um damit die Touristen ins Zentrum zu locken. Doch das würde erstens teuer und würde zweitens die Gemeindeverwaltung zum Umzug zwingen.

Johann Arnold von Clermont soll es noch einmal richten. Dabei liegt der Mann, am 3. Dezember 1795 gestorben, seit 223 Jahren in dem eigens für ihn errichteten Mausoleum bei Kasteel Vaalsbroek und hat schon genug für Vaals getan. 1761 wechselte der lutheranische Textilfabrikant, unter anderem wegen der damaligen Aachener Religionsunruhen, über die Grenze und machte aus dem damals armen Nachbardorf einen der wohlhabendsten Orte der ganzen Gegend. Clermont hinterließ zahlreiche Gebäude, die an ihn erinnern, unter anderem das heutige Gemeindehaus, in dem seinerzeit seine erste Produktions- und Wohnstätte untergebracht war.

Der kleine Grenzort hat aktuell Probleme. Einmal die seit langem sinkende Einwohnerzahl, der man sich – erfolgreich – mit der Ansiedlung von zwei größeren Studentenwohnheimen entgegenstemmte. Dadurch wurde die Einwohnerzahl wieder über die Grenze von 10.000 gehievt, was auf den Ortseingangsschildern mit Ausrufezeichen vermerkt wurde. Doch auch das historische Gemeentehuis ist nicht ohne. Zu groß für die Minikommune, die immer mehr Aufgaben an überregionale Zweckverbände abgibt, und zu teuer im Unterhalt – dicke Mauern und dünne Fenster. Deshalb soll Johann Arnold von Clermont wieder ran, nach mehr als zwei Jahrhunderten.

Mehr Touristen

Die derzeitige Ratsmehrheit möchte das Rathaus nämlich einer neuen Verwendung zuführen, die – vor allem – mehr Touristen in das historische Zentrum lockt. Die sind vor allem erwünscht, weil der 2016 eingeweihte Koningin-Julianaplein dringenden Zustroms bedarf. Die Geschäftslokale im Erdgeschoss, die eigentlich so etwas wie ein lebendiger Mittelpunkt von Vaals („kloppend Hart“) werden sollten, stehen seit zwei Jahren fast alle gähnend leer. Besserung ist nicht in Sicht – eine Pleite mit Anlauf.

Deshalb hat man für eine hohen fünfstelligen Betrag teure Untersuchungen und Befragungen in Gang gesetzt, die alle zum gleichen Ergebnis kamen: Vaals muss mit seiner Vergangenheit wuchern. Genauer: mit Johann Arnold von Clermont. Eigentlich keine schlechte Idee angesichts der Tatsache, dass die Stadt Aachen ihre glorreiche Textilgeschichte sträflich vernachlässigt und einem – allerdings sehr rührigen – privaten Verein überlässt.

Im U-förmigen Gemeindehaus soll deshalb ein interaktives Von-Clermont-Museum installiert werden, schlägt die Beratungsfirma Imagine Leisure vor. Auf spielerische Weise sollen die Besucher an das Leben des Tuchunternehmers, der unter anderem Napoleon und Zar Peter den Großen mit Uniformen belieferte und 16 Kinder hatte, in zehn Szenen dargestellt werden, mit Hologrammen, Videos, Rauch und Stimmen, im heutigen Ratssaal, dem Bürgermeistertrakt und dem Trausaal. Ein ähnliches Museum gibt es in Verviers, früher eine der bedeutendsten Wollstädte Belgiens.

Das Problem in Vaals aber: Das 1761 bis 1765 errichtete Rathaus müsste dafür umgebaut werden. Mindestens fünf Millionen Euro würde das kosten, hat Imagine Leisure errechnet. Wenn das gesamte Gebäude umgewidmet würde und auch im Ortskern noch eine Art historische Schnitzeljagd à la Pokémon veranstaltet würde, ließen sich die erforderlichen 172,000 Besucher aus Nah und Fern locken, die allerdings auch noch zwölf Euro Eintritt pro Nase entrichten müssten, um das geforderte wirtschaftliche Ergebnis zu erzielen, diese gewagte These stellt das Beratungsbüro auf.

Da ein Investor mit einer Rendite von acht (!) Prozent rechne, müsste ihm das historische Gebäude schon zum Nulltarif überlassen werden, sollte diese Marge erreicht werden, hieß es jetzt in einer Vorlage für den Gemeinderat. Und dabei sind noch gar nicht die Kosten für einen Umzug enthalten, geschweige denn ein Unterschlupf bekannt oder genannt, in die rund 80-köpfige, langsam schrumpfende Kommunalverwaltung dann wechseln müsste. Kein Wunder, dass die ambitionierten Pläne bei der Vorstellung nur auf wenig Resonanz bei den Ratsfrauen und -männern stießen. Kommen wirklich so viele Besucher? Und, wenn ja, wo sollen diese parken? Die Skepsis der Kommunalpolitiker sei groß gewesen, resümiert die Tageszeitung „De Limburger“. Und von Disneyworld oder Remmidemmi, zwei Worten, die der zuständige Beigeordnete Jean-Paul Kompier gerne in diesem Zusammenhang verwendet, wolle ohnehin niemand etwas wissen. Geprüft wird nun, ob es nicht reichen würde, dass nur ein Flügel des Rathauses in ein Erlebnismuseum verwandelt wird.

Doch das, haben die Untersucher prophezeit, mindert natürlich die Anziehungskraft und dürfte wohl kaum – wie geplant – Interessenten aus Köln oder Düsseldorf anlocken. Und das macht es dann noch unwahrscheinlicher, dass die leeren Geschäftslokale am Julianaplein gefüllt werden können und ein Teil der knapp eine Million Tagestouristen, die jedes Jahr zum Dreiländerpunkt oberhalb von Vaals pilgern, auch den Weg hinunter ins historische Zentrum finden. Ein Ergebnis soll in einem halben Jahr vorgelegt werden.

Es scheint so, als ob selbst Johann Arnold von Clermont, der im 18. Jahrhundert Vaals schon einmal groß gemacht hat, diesmal mit dieser Aufgabe überfordert ist.

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