Wenn die Betreuung wegfällt: Vertretungskonzept für Tagesmütter tritt in Kraft

Wenn die Betreuung wegfällt : Vertretungskonzept für Tagesmütter tritt in Kraft

Krank zur Arbeit hat sich Angela Fasbender in den vergangenen Jahren immer mal wieder geschleppt. Obwohl sie wusste, dass das eigentlich nicht zu verantworten ist. Weder für sich selbst, noch für die Kinder, die sie seit 14 Jahren betreut. „Doch man weiß einfach, vor welch große Probleme man die Eltern stellt, wenn kurzfristig die Betreuung der Kinder wegfällt“, sagt die Tagesmutter.

Umso mehr hofft sie, dass sie ab sofort dazu beitragen kann, dass ihre Kollegen nun etwas seltener Kleinkinder auch krank in Empfang nehmen. Und zwar als erste offizielle Vertretungskraft in Aachens Kindertagespflege.

Mit der Eröffnung des ersten sogenannten Vertretungsstützpunkts für die Kindertagespflege kommt die Stadt einer gesetzlichen Verpflichtung nach, die sie bereits seit einigen Jahren beschäftigt. Denn Eltern, die ihre Kinder bei einer Tagesmutter oder einem Tagesvater in Obhut geben, haben einen Anspruch darauf, dass ihnen rechtzeitig eine Vertretung zur Verfügung gestellt wird. So hat es der Gesetzgeber formuliert. Und damit die Jugendämter in die Pflicht genommen. Bislang fehlte dafür in Aachen aber die entsprechende Infrastruktur.

Seit gut drei Jahren liegt der Beschluss des Kinder- und Jugendausschusses vor, mit dem Auftrag an die Verwaltung „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ ein entsprechendes Vertretungsmodell umzusetzen. Die lange Anlaufzeit erklärt Heinrich Brötz, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, unter anderem mit der schwierigen Suche nach geeigneten Räumen. Zudem habe es länger als erwartet gedauert, bis auch die zweite Stelle besetzt werden konnte. Ein weiterer Vertretungsstützpunkt steht an der Stolberger Straße im Aachener Osten bereits in den Startlöchern. „Es fehlt nur noch das Personal“, sagt Brötz.

Alleinerziehend und Tagesmutter: „Das ist kaum machbar“, sagt die 26-Jährige Nora Schnurr — auch weil Ausfalltage nicht bezahlt werden. Foto: Ralf Roeger

Mit Fasbender und ihrer Kollegin Stephanie Abendroth tritt dieses Vertretungsmodell nun endlich in Kraft. Im ehemaligen „Haus der Jugend“ an Kalverbenden in Burtscheid haben sie eine Fläche von rund 100 Quadratmetern bezogen. Es gibt einen Schlafraum mit neun Kinderbetten, einen Gemeinschaftsraum mit allerlei Spielzeug, eine Küche und einen Garten. Wer genau dort im Sandkasten spielen wird, wenn die eigentliche Betreuungsperson ausfällt, ist offen. Fasbender und Abendroth müssen das Netzwerk erst noch aufbauen.

Bei 35 Tagespflegepersonen im näheren Umkreis habe man bereits angefragt, ob sie Interesse an einer Kooperation haben. Denn von ihnen völlig Fremden sollen Kleinkinder auf keinen Fall betreut werden — auch nicht im Notfall. „89 Prozent der Kinder in der Kindertagespflege sind unter drei Jahre alt“, zitiert Bettina Konrath, Geschäftsführerin des Vereins Familiäre Tagesbetreuung, aus der Statistik. Umso wichtiger sei es, dass auch die Vertretungskräfte zu den Kindern eine Bindung aufbauen — und zwar noch bevor sie im Krankheitsfall einspringen müssen.

Einen Kooperationsvertrag abschließen

Deshalb werden Fasbender und Abendroth mit allen Interessierten einen Kooperationsvertrag abschließen. In diesem werde unter anderem festgelegt, dass sich die Tagesmütter und die von ihnen betreuten Kinder mindestens zwei Mal im Monat mit den beiden Vertretungskräften treffen — mal im gewohnten Zuhause der regulären Tagesmutter, mal im Vertretungsstützpunkt selbst. Am Ende entscheiden aber die Eltern, ob sie ihre Kinder im Vertretungsstützpunkt betreuen lassen — oder ob im Ernstfall vielleicht doch Oma und Opa einspringen können.

Wie alle Tagesmütter und -väter arbeiten auch Fasbender und Abendroth selbstständig. Planungssicherheit erlangen sie dadurch, dass sie vom Jugendamt so bezahlt werden, als würden sie vier beziehungsweise fünf Kinder jeweils 35 Stunden pro Woche betreuen. Doch auch für sie gilt: Wenn sie selbst krankheitsbedingt oder wegen Urlaub ausfallen, gibt es keinen Lohn. In dem Betrag, den die Stadt zahlt, sind Ausfalltage (30 Arbeitstage oder 53 Kalendertage) bereits einkalkuliert.

Ausreichend ist das nach Ansicht vieler Tagesmütter aber nicht. Für Nora Schnurr ist dies auch der Hauptgrund, warum so viele Tagesmütter krank arbeiten. „Alles andere kann man sich nicht leisten“, sagt die 26-Jährige, die erst in Aachen tätig war und seit einigen Monaten in Eschweiler als Tagesmutter arbeitet. Noch. Als alleinstehende Mutter könne sie sich das auf Dauer nicht mehr leisten. Da helfe auch kein Vertretungsstützpunkt.

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