Verkehrspolitiker Achim Ferrari (Grüne) fährt für uns durch Aachen

Verkehrspolitiker auf dem Fahrrad (1) : „Einmal und nie wieder“ mit dem Rad auf der Wilhelmstraße

Wir setzen Verkehrspolitiker aufs Fahrrad: Auf Einladung unserer Zeitung erleben und erfahren Vertreter der Aachener Ratsfraktionen den Alltag auf zwei Rädern. Den Auftakt der Serie macht Achim Ferrari (Grüne), der Vorsitzende des Mobilitätsausschusses.

Eines stellt Achim Ferrari vorsichtshalber gleich schon einmal am Telefon klar: „Ich fahre nicht mit dem Rad über die Wilhelmstraße!“, kündigt der grüne Ratsherr an, und es klingt so, als ließe er darüber auch nicht mit sich verhandeln. Den Hinweis, dass es auf der vielbefahrenen innerstädtischen Verkehrsachse doch immerhin Schutzstreifen für Fahrradfahrer gebe, fegt er jedenfalls kurzerhand vom Tisch. Viel zu riskant sei es dort trotzdem für Pedaltreter, das wisse er aus eigener leidvoller Erfahrung, sagt Ferrari: „Einmal bin ich dort gefahren – nie wieder!“

Und die Wilhelmstraße ist aus Sicht des 68-jährigen Verkehrspolitikers nicht die einzige Risikozone für Fahrradfahrer in Aachen. Im Gegenteil. Ginge es nach Ferrari, würde er in dieser Hinsicht fast die komplette City mit einem warnenden Signalrot versehen. So jedenfalls ist es seine ganz persönliche Wahrnehmung: „Ich fahre kaum mit dem Rad durch die Innenstadt. Denn das ist mir viel zu gefährlich.“

Womit die Fronten zum Auftakt einer kleinen Serie unserer Zeitung zum Thema Radfahren gleich einmal mit einem deutlichen Zitat geklärt wären. Achim Ferrari ist als Vorsitzender des städtischen Mobilitätsausschusses der erste Verkehrspolitiker, der dabei in den Sattel gesetzt wird, um aus eigener Sicht und am eigenen Leibe das Radfahren in Aachen zu erleben. Vertreter aller anderen Ratsfraktionen werden in den nächsten Tagen und Wochen folgen.

Politiker treten in die Pedale: Grünenpolitiker Achim Ferrari

Dass Ferrari als Grüner dabei ein besonderes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Radler an den Tag legt, verwundert nicht – auch wenn er sagt: „Wir sind nicht die Fahrradpartei, das wäre falsch.“ Dass der Grüne außerdem vom Startpunkt unserer Tour an der Bastei am liebsten in lauschiger Mittellage auf dem breiten Grünstreifen die Monheims-
allee hinunterradeln würde, ist verständlich, aber nicht ganz im Sinne eines Alltagstests: Der schmale Schutzstreifen am Fahrbahnrand soll es auf dem Weg hinunter zum Hansemannplatz dann schon sein – wobei den begleitenden Reportern gleich zum Auftakt kurz der Atem stockt, als ein Lkw lärmend am E-Bike des Politikers vorbeibrettert.

Am Hansemannplatz, wo vor zwei Jahren ein schrecklicher Unfall eine grundlegend neue Diskussion über die Sicherheit für Radfahrer in Aachen eröffnete, biegt Ferrari rechts ab. Danach geht es vorbei an Bushof, Theater und Normaluhr bis nach Burtscheid – teils über Radstreifen, teils über Busspuren, teils aber auch mitten im Autoverkehr, weil Radverkehrsanlagen stellenweise völlig fehlen. „Diese Strecke wäre ich alleine nie gefahren“, sagt der Verkehrspolitiker nach der kurzen Tour und hebt an zu einem Plädoyer für eine „ganz neue Mobilitätsphilosophie“.

Man müsse Mobilität „neu denken“ und dabei „der Sicherheit und der Qualität die oberste Priorität einräumen“, argumentiert Ferrari. Und nicht wie bislang der Quantität, also der Leistungsfähigkeit. Denn: „Jedes Verkehrsmittel muss sicher sein, für sich und für andere, und das ist bislang nicht so.“ Folge man diesem Credo, ergebe sich daraus vieles andere fast wie von selbst, ist der Grüne überzeugt.

Wobei man natürlich die bisherige Platzverteilung für die einzelnen Verkehrsteilnehmer radikal verändern müsste. „Gehören parkende Fahrzeuge in der Innenstadt auf die Straße?“, nennt Ferrari einen grundsätzlichen Denkansatz. Und muss tatsächlich so viel Autoverkehr die Theaterstraße hinunterrollen? „Einen Großteil dieses Verkehrs kann man da herausnehmen“, meint der Grüne, „und dann bräuchte man auch keine zwei Fahrspuren mehr in jede Richtung.“ Und hätte automatisch mehr Raum für Radler und damit „eine ganz anderer Qualität, eine ganz andere Sicherheit“.

Allerdings ist eine Mehrheit für solch ein radikales Umdenken nicht wirklich in Sicht, weshalb sich Radfahrer auch schon über schrittweise Verbesserungen freuen würden. „Die großen Kreuzungen müssen als erstes sicherer gemacht werden“, fordert Ferrari da. Zum Beispiel der Hansemannplatz. Dort wurde zwar nach dem tödlichen Unfall der Radstreifen optisch hervorgehoben und das Rechtsabbiegen der Busse geändert, doch reicht dies dem Grünen nicht. Er habe sich dort auf dem Rad „nicht wohl gefühlt“, sagt Ferrari. Weshalb er wohl auch in nächster Zeit nicht mit dem Rad durch die Innenstadt fährt. Und schon gar nicht über die Wilhelmstraße.

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