Aachen: Verdi-Warnstreik in der Städteregion „trifft die Menschen, aber wir haben keine Wahl“

Aachen: Verdi-Warnstreik in der Städteregion „trifft die Menschen, aber wir haben keine Wahl“

Fahrgäste werden am Mittwoch vergeblich auf den Bus warten, und Eltern kleiner Kinder werden sich etwas überlegen müssen, wenn die Kita geschlossen bleibt. Der Warnstreik im öffentlichen Dienst dürfte das Leben am Mittwoch ordentlich durcheinander bringen.

„Wenn der öffentliche Dienst streikt, trifft es die Menschen“, weiß Mathias Dopatka. Der Gewerkschaftssekretär der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi betont aber: „Wir haben keine Wahl.“ Bei den Tarifverhandlungen habe die Arbeitgeberseite schon zwei Verhandlungsrunden verstreichen lassen, ohne ein konkretes Angebot vorzulegen.

Bei den Beschäftigten hebt das nicht gerade die Stimmung. „Die Kollegen verstehen nicht, wie man einfach nichts sagen kann“, berichtet Siegfried Wartenberg von der Verdi-Fachgruppe Gemeinden. Wobei sich nach Auskunft der Gewerkschaft die kommunalen Arbeitgeber durchaus geäußert haben: Einige Forderungen hätten sie schon zurückgewiesen.

So verlangt Verdi neben einer Erhöhung der „Tabellenentgelte“ um sechs Prozent, mindestens um 200 Euro in den unteren Einkommensgruppen, und höheren Auszubildendenvergütungen auch einen zusätzlichen 30. Urlaubstag für die Azubis. Mehr Urlaub lehne die Arbeitgeberseite ab, berichtet Dopatka, und vom „Sockelbetrag“ von 200 Euro wolle sie auch nichts wissen. „Da heißt es, in der freien Wirtschaft gebe es noch niedrigere Einkommen.“

Schlecht verdient werde aber auch im öffentlichen Nahverkehr, erklärt der Aseag-Betriebsvorsitzende Stefan Roebrocks. Das Einstiegsgehalt eines Busfahrers liege bei etwa 2300 Euro brutto, ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern, für die die Ehefrau zu Hause bleibe, sei deshalb auf staatliche Hilfe angewiesen. „Wenn man die trotz einer Vollzeitbeschäftigung braucht“, meint Gewerkschaftssekretär Dopatka, „hat das doch katastrophale Auswirkungen auf das Selbstbild.“

Auch die Arbeitgeberseite tue sich damit keinen Gefallen, glaubt Betriebsrat Roebrocks. Schon jetzt seien Busfahrer Mangelware und würden teils im Ausland angeworben. Die Kommunen suchten händeringend Fachkräfte, meint Dopatka, und sein Mitstreiter Wartenberg, selbst Kita-Leiter, warnt davor, dass Führungskräfte bald nichts mehr zu führen hätten, „weil niemand mehr da ist“. Verdi-Vertrauensfrau Jessica Moos, zuständig für den OGS-Bereich, sagt: „Die Kollegen gehen auf dem Zahnfleisch.“ Und Uwe Schulz, Personalratsvorsitzender am Theater Aachen, verweist auf die wenig attraktiven Arbeitszeiten seiner Branche, wo viele abends und an Wochenenden Dienst tun.

Das Geld für eine bessere Bezahlung sei da, betont Dopatka, die Steuereinnahmen seien auf „Rekordniveau“. Und groß sei auch die Bereitschaft der Kollegen, mit einem Warnstreik Druck zu machen, glauben die Gewerkschafter. Wartenberg geht davon aus, dass am Mittwoch die meisten Kitas geschlossen bleiben, auch im OGS-Bereich werde es „definitiv keine 100-Prozent-Betreuung geben“, erwartet Moos. Mit Einschränkungen sei in allen Bereichen zu rechnen, meint Dopatka, von der Müllabfuhr über die Bäder bis hin zum Bürgerservice.

Massiv betroffen vom Warnstreik ist der öffentliche Nahverkehr. „Am Mittwoch werden keine Busse der Aseag fahren“, kündigt das Verkehrsunternehmen an. Das wirke sich auf den gesamten Linienverkehr in Stadt und Städteregion aus. Zwar würden bei den Auftragsunternehmen der Aseag andere Tarifbestimmungen gelten, dennoch müsse auch hier mit Auswirkungen gerechnet werden.

Verdi ruft zum Warnstreik ab 5 Uhr morgens auf, etwas später treffen sich die Streikenden am Verdi-Haus an der Harscampstraße 20 in Aachen. Um 10 Uhr ist hier eine Kundgebung geplant, danach startet ein Demonstrationszug durch die Aachener Innenstadt. Eine Abschlusskundgebung steht um 12 Uhr auf dem Programm.

Damit soll Druck gemacht werden vor der dritten Verhandlungsrunde Mitte April in Potsdam. Dort sitzt auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp auf Arbeitgeberseite in der Verhandlungskommission. „Mit dem Warnstreik wollen wir letztlich einen ‚richtigen‘ Streik verhindern“, sagt Gewerkschaftssekretär Dopatka, „der wäre nämlich das größere Chaos.“

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