Vegla-Haus in Aachen wird abgerissen

Vegla-Haus : Das „Aquarium“ muss weichen

Die großen Glasfenster waren einst das Erkennungsmerkmal des sogenannten Vegla-Hauses im Frankenberger Viertel. Doch nach nur rund 40 Jahren sind die Tage für das markante Gebäude, das im Volksmund auch „Aquarium“ genannt wurde, gezählt. Es muss einem neuen Wohn- und Geschäftskomplex weichen.

Dass auf dem 9000 Quadratmeter großen Grundstück im Zwickel von Viktoriaallee und Bismarckstraße derzeit viele Scherben herumliegen, liegt sozusagen in der Natur der Sache. Schließlich wird derzeit das sogenannte Vegla-Haus abgerissen, und die Vereinigten Glaswerke sind nun einmal einer der größten Hersteller von Glas, vorwiegend für den Hochbau und Automobilbau, weltweit.

Deshalb waren große Glasfenster ein Erkennungszeichen des futuristischen Gebäudes, das in den 1970er Jahren in dem aus der Gründerzeit stammenden Fankenberger Viertel niederkam wie ein Ufo. 1978 fertiggestellt und 1982 erweitert, wurde es im Volksmund deshalb schnell „Aquarium“ getauft und diente der Vegla beziehungsweise deren Mutterkonzern Saint-Gobain Glass als Hauptverwaltungssitz für deren deutsche Dependance.

Als Bausünde präsentiert

20.000 Quadratmeter groß waren die (gegen Wärme) grün gefärbten Glasflächen. Dass bei deren Ausbau nun einiges zu Bruch geht, versteht sich. Die Frage ist, ob die Scherben, wie es das Sprichwort verspricht, wirklich Glück bringen. Dem „Aquarium“ jedenfalls hat es kein besonders erstrebenswertes Schicksal beschert.

Schon bei der Entstehung rümpften Architekten und Städtebauer die Nase. Damaligen Studenten der einschlägigen RWTH-Institute wurde auf Rundfahrten durch Aachen das Vegla-Gebäude als besonders einprägsame Bausünde präsentiert. Es gab allerdings auch Anwohner, die seinerzeit öffentlich bekundeten, dass sich das Gebäude harmonisch in die Umgebung einfüge. 600 Menschen arbeiteten zeitweise dort, bis Saint Gobain Glass Deutschland seinen Hauptsitz 2014 nach Stolberg verlegte und die Muttergesellschaft 2015 in einen Neubau an die Krefelder Straße zog.

40 Jahre Lebensdauer sind für ein Gebäude, damals mit modernster Technik vollgestopft, nicht gerade viel – üblicherweise dient ein Haus den Bewohnern zwei bis drei Generationen und erreicht ein Alter von 100 Jahren oder mehr. Doch Immobilien aus den 1960er bis 1980er Jahren sind teilweise mit Materialien gebaut, die sich später als hochproblematisch erwiesen, PCB oder Asbest beispielsweise. Deshalb wurde unter anderem, wenige hundert Meter Luftlinie vom Vegla-Haus entfernt, das Finanzamt an der Beverstraße entfernt, dem Polizeipräsidium in der Soers droht das gleiche Schicksal.

Bauherr Hubertus Neßeler am Ort des Geschehens. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Seit Juli läuft der Abriss des Vegla-Gebäudes, Asbest wurde aus verschiedenen Bereichen entfernt, sagt Bauherr Hubertus Neßeler vor Ort. Und was 1978 als hochmodern galt, sei nach heutigen Maßstäben energetisch und technisch nicht mehr tragbar; Klima- und Haustechnik seien vollkommen veraltet. Außerdem sei der Standort für ein Objekt mit riesigen Büroflächen unzeitgemäß, selbst die Tiefgarage mit schmalen Stellplätzen für moderne Autos ist nach heutigen Anforderungen viel zu eng.

Erleichterung und Bedauern

„Die Nachbarn haben den Abriss erst wahrgenommen, als wir die Scheiben rausholten“, zieht der geschäftsführende Gesellschafter der Nesseler Projektidee eine Zwischenbilanz. Ähnlich wie bei der Errichtung seien die Reaktionen aus der Umgebung zwiespältig und reichten von Erleichterung bis Bedauern.

Nicht nur das Entfernen der Schadstoffe, sondern auch die Demontage von Kabeln, Rohren und Leitungen in den Zwischendecken nahm geraume Zeit in Anspruch. Alle Fraktionen werden getrennt und möglichst wiederverwertet, die Mitarbeiter versuchen, die Baumaterialien, etwa die Marmorplatten am Fassadenfuß, Türen oder Innenwände, möglichst heil abzulösen oder auszubauen: „Je sauberer getrennt wird, desto mehr Geld kann man verdienen.“ Bislang sind die Arbeiten unfallfrei verlaufen, auch gab es bis auf zwei Anrufe kaum Beschwerden der Nachbarn, und die konnten schnell beigelegt werden.

Das könnte sich allerdings bald ändern. Dann geht es nämlich an die Grundkonstruktion des Gebäudes – aus Stahlbeton. Die wird von einem schon bereitstehenden Bagger mit hydraulischer Zange zerlegt. Eigentlich sollte der schon längst im Einsatz sein, mit dem vorgesehenen Zeitplan ist man allerdings in Verzug geraten: „Der Abriss ist aufwändiger, als wir eingeschätzt haben. Jetzt fängt das mit dem Lärm an.“ Statt bis Jahresende soll der Abriss nun bis Anfang Februar beendet sein – wenn das Wetter mitspielt.

Danach beginnt der Neubau, auf einer neuen Tiefgarage – bestehend aus einem Mix von rund 100 Studenten- und Mietwohnungen, davon 30 Prozent öffentlich gefördert, Praxen und Büros sowie Geschäftsräumen im Erdgeschoss. Das Interesse an allen Einheiten sei groß, berichtet Hubertus Neßeler, im Erdgeschoss soll etwa ein großer Lebensmittelmarkt einziehen: „Es sind schon weitreichende Gespräche geführt worden.“ 70 Millionen Euro werden insgesamt investiert, Ende 2021 soll alles fertiggestellt sein.

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