Aachen: Unternehmen zahlen 40.000 Euro für Reklame vor RWTH-Hörsälen

Aachen: Unternehmen zahlen 40.000 Euro für Reklame vor RWTH-Hörsälen

Trivago und Amazon sind Begriffe, die vermutlich jeder schon mal gehört hat. Ersteres ist eine Hotel-Metasuche im Internet, zweites ein digitaler Versandhandel. Wer Reisepreise vergleichen oder beispielsweise Bücher, Musik oder Filme kaufen möchte, der besucht die beiden Portale im Internet.

Und eben dort, im World Wide Web, wird man auch tagtäglich mit gesponsorter Werbung der Unternehmen konfrontiert. Auch im TV entkommt man alldem kaum. Das ist nicht neu.

Wer allerdings derzeit in Aachen studiert, und Hörsäle oder Seminarräume im Hörsaalzentrum C.A.R.L. an der Claßenstraße besucht, der wird ebenfalls auf genau diese Unternehmen aufmerksam. Zwangsweise und tagtäglich. Denn er muss an ihren Firmenschildern vorbei. Diese wurden an den Außenwänden neben dem jeweiligen Eingang zum Saal montiert.

Trivago, Amazon, Knorr-Bremse, Otto Fuchs, Windmöller & Hölscher und einige mehr haben die Namensrechte für die Säle erstanden. Die RWTH hatte die Räume zuvor vermarktet. Und das schon seit 2017. Unüblich ist dieser Vorgang allerdings nicht.

Hörsaalsponsoring wurde bereits 2006 von der Fachhochschule (FH) Würzburg-Schweinfurt dazu genutzt, um an Geld für sanierungsbedürftige Räume zu gelangen. Damals hat die FH die Namensrechte ihres größten Hörsaals am Standort Würzburg an den Discounter Aldi Süd verkauft. Auch die Technische Universität Berlin arbeitete mit der Deutschen Bank zusammen. Sie gerieten öffentlich in Kritik. Die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre sei dadurch gefährdet, hieß es in einigen Medienberichten.

„Vorbehalte ausgeräumt“

In Aachen entgegnet man dem: „Die Hochschule ist sich der Schwierigkeit des Themas in der Öffentlichkeit bewusst und weiß um die Vorbehalte gegenüber Präsenz von Unternehmen an einer Universität, mit der immer die Befürchtung einer Art Einflussnahme einhergeht — insbesondere an einer Hochschule wie der RWTH Aachen, die bundesweit führend in der Industrieforschung ist“, sagt Thorsten Karbach, Sprecher der RWTH auf Anfrage.

In den vergangenen Jahren habe die Stabsstelle Relationship Management ein Konzept erarbeitet, durch das diese Befürchtungen und Vorbehalte „zweifellos ausgeräumt werden können“. „Und angesichts der finanziellen Situation der Hochschulen und dem Wunsch zur Gestaltung sowie auf der anderen Seite wachsendem Interesse der Industrie, sich in dieser Form auch an der RWTH Aachen einzubringen, ist der aktuellen Zeitpunkt absolut passend“, so Karbach weiter.

Ausgeschlossen sei klar jede Form von Werbung, die über die Benennung des Raumes hinausgehe. Dazu zählen Leinwandspots. Zudem würden die Hörsäle in keinem Fall in Unternehmensfarben gestrichen oder im Sinne des Corporate Designs des Namensgebers umgestaltet. „Ein Sponsoring wird natürlich keinerlei Einfluss auf das Wirken der RWTH Aachen haben, die Freiheit von Forschung und Lehre bleibt selbstverständlich unberührt. Auch gibt es keinen Anspruch auf eine Nutzung des Raumes durch das Unternehmen“, sagt Karbach.

Im Juni vergangenen Jahres wurde dann ein Hörsaal im C.A.R.L., in dem 210 Studenten Platz finden, in „Knorr-Bremse-Hörsaal“ umbenannt. Es war der erste seiner Art, inzwischen sind es vier Hörsäle und ein Seminarraum. Bislang nur im C.A.R.L. Denkbar seien laut Karbach aber auch andere Uni-Gebäude. „Das Angebot umfasst zunächst elf Hörsäle und 16 Seminarräume im neuen Hörsaalzentrum C.A.R.L., zwei Hörsäle im Gebäude Professor-Pirlet-Straße, zwei Hörsäle und zwei Seminarräume im ehemaligen HKW/Toaster, wobei auf Wunsch auch andere Räume infrage kommen“, so Karbach.

Die RWTH bewirbt diese Art des Sponsorings auf ihrer Homepage. Dort steht wörtlich: „Möchten auch Sie sich als richtungsweisendes Unternehmen und attraktiver Arbeitgeber an der RWTH präsentieren? Dann stärken Sie Ihre Sichtbarkeit und Markenbildung mit einem dauerhaften Engagement direkt auf dem Campus und damit unmittelbar im Blickfeld unser Studierenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Namensgebung unserer modernsten Hörsäle schafft einen kontinuierlichen Berührungspunkt zur Hochschule und macht Sie als starken Partner der RWTH sichtbar.“

Verschiedene Pakete

Geboten werden verschiedene Pakete. Der ausgesuchte Hörsaal oder Seminarraum wird nach dem Unternehmen benannt, und auch so im Vorlesungsverzeichnis der Hochschule geführt. Name und Logo des Unternehmens werden an den Eingängen angebracht und auf Wunsch auch eine kleine Eröffnung mit Fototermin organisiert.

Der Startpreis pro Jahr liegt bei 7500 Euro für einen Seminarraum, ein 500- bis 1000-Personen-Hörsaal liegt zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Die Mindestlaufzeit beträgt drei Jahre. Laut RWTH-Webseite können die Unternehmen so die Chance nutzen, sich bei den rund 44.000 Studenten kontinuierlich als potenzieller Arbeitgeber zu präsentieren.

Für den Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) kamen die Hinweisschilder dennoch unerwartet — und laut Asta-Sprecherin Julie Göths auch ohne Erklärung. „Es ist dadurch eine bestimmte Nähe zur Wirtschaft nicht von der Hand zu weisen. Und uns ist nicht klar, was dahintersteckt“, so Göths.

Insbesondere der Trivago-Hörsaal wäre den Studenten übel aufgestoßen. Der Onlinedienst sei kein Aushängeschild für Wissenschaft, weil er thematisch dort nicht angesiedelt sei. „Der Großteil der Studenten sieht seine Zukunft sicher nicht bei Trivago“, so Göths. Der Asta hätte die Benennung nach Wissenschaftlern bevorzugt.

87.500 Euro jährlich

RWTH-Sprecher Karbach betont allerdings, dass alle Unternehmen zuvor sorgfältig geprüft würden und dem Selbstverständnis der Hochschule entsprechen. Das Geld, das durch das Sponsoring eingenommen wird, komme zudem den Studenten zugute, etwa indem auch in Zukunft ein großes Graduiertenfest für die Absolventen veranstaltet werde. Die jährlichen Einnahmen liegen aktuell bei 87.500 Euro.

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