Aachen: Umstrittene Ausstellung: Die andere Geschichte des Nahostkonflikts

Aachen: Umstrittene Ausstellung: Die andere Geschichte des Nahostkonflikts

Der Sicherheitsmann, der vorsichtshalber in der Frère-Roger-Straße postiert worden war, verbrachte einen ruhigen Nachmittag. Und auch im Haus der evangelischen Kirche selbst blieben Zwischenrufe oder gar Proteste aus. Dort wurde am Samstagnachmittag die Ausstellung „Die Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948” eröffnet.

Die Wanderausstellung ist vom Verein „Flüchtlingskinder im Libanon” konzipiert worden und setzt sich mit dem Entstehen des Zionismus, der Einwanderung der Juden nach Palästina und der damit einhergehenden Flucht und Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat auseinander. Entsprechend ihrem Titel - „Nakba” bedeutet im Arabischen so viel wie Katastrophe - wird dabei eine palästinensische Sicht auf die Konflikt in Nahost eingenommen.

„Traumatisierte Völker müssen sich erklären dürfen, erzählen, loswerden”, sagte Superintendent Hans-Peter Bruckhoff am Samstag. „In diesem ersten Schritt kann es noch nicht um Recht und Gerechtigkeit gehen und auch nicht um die historische Wahrheit. Es geht um offenen Diskurs und Auseinandersetzung.” Ein Anspruch, dem die evangelische Kirche durch eine Stellungnahme der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gerecht werden will, die während der gesamten Ausstellungsdauer ausliegen wird. Auch können Besucher Ansichten und Gedanken zum Thema aushängen.

Denn für Gesprächsstoff hatte „Nakba” (wir berichteten) bereits im Vorfeld gesorgt. Allerdings nicht in der Form, wie Bruckhoff ihn sich wünscht. So hatte die evangelische Kirche sich vom damaligen jüdischen Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Nathan Warszawski, unterstellen lassen müssen, einer „heiligen Koalition des Israelhasses” beigetreten zu sein. Er machte sie gar nachträglich für die jüngsten Hakenkreuzschmierereien an der Aachener Synagoge mitverantwortlich. Warszawski, dessen Haltung auch in der Jüdischen Gemeinde höchst umstritten ist, hat sich zwischenzeitlich „eine Auszeit” genommen.

In deutlich ausgewogeneren Tönen hatte auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft das Konzept von „Nakba” kritisiert. Dafür ausgesprochen hatten sich indes der Verein zur Förderung des Friedens in Israel und Plästina, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost sowie der Aachener Friedenspreis.

In einem weiteren Redebeitrag dankte Ghaleb Natour, Vorsitzender des „Vereins zur Förderung des Friedens in Israel und Palästina” Ingrid Rumpf, federführend beim Ausstellungskonzept, und Hans-Peter Bruckhoff für ihren Mut, „Nakba” trotz aller Widerstände stattfinden zu lassen. „Ein Skandal” allerdings sei es, dass dieser Mut notwendig sei. Israel müsse sich mit seiner Geschichte auseinandersetzen, erst dann bestehe die Chance auf einen „gerechten und nachhaltigen Frieden”.

Was die Ausstellung in Text und Bild erzählt, ist in der Tat erschreckend. Von Terrorakten und Vertreibung durch zionistische Milizen ist die Rede, von Unterdrückung und Massakern. Die Bilder zeigen zerbombte Häuser und verwüstete Stadtteile. Auf einer von 13 Stellwänden erzählen Flüchtlinge „ihre Geschichte”.

Auch er selbst, räumte Bruckhoff am Samstag ein, teile nicht jede Aussage. Allerdings gehe es um eine „Geschichte, die vielleicht noch nie erzählt wurde ohne handfeste eigene Interessen”. Nachdenklich lasse ihn jedoch die „Lawine der gewollten Missverständnisse, der Diffamierungen und der Polemik” werden.

Stimmung umgeschlagen

Die bekommt auch Ingrid Rumpf, 1. Vorstand von Flüchtlingskinder im Libanon, ab. Die ersten zwei Jahre sei sie mit der Ausstellung „nicht unbeachtet, aber ohne diese extreme Auseinandersetzung” unterwegs gewesen. Vor einem Jahr sei die Stimmung plötzlich umgeschlagen - in Düsseldorf hat dies dazu geführt, dass „Nakba” vorzeitig beendet wurde. Dafür sei mitnichten - wie fälschlicherweise kolportiert - der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde verantwortlich gewesen, sondern „selbsternannte Anti-Antisemitismus-Gruppierungen, die häufig anonym vorgehen”.

Die Ausstellung ist bis zum 21. Mai täglich außer sonntags von 16 bis 19 Uhr im Haus der evangelischen Kirche, Frère-Roger-Straße 8-10, geöffnet. Für Schulklassen auch vormittags nach Absprache unter 0241/453118.