Aachen: Umfrage unter den Karnevalisten: Wie wird die jecke Zeit organisiert?

Aachen : Umfrage unter den Karnevalisten: Wie wird die jecke Zeit organisiert?

Das nennt man wohl einen reibungslosen Übergang: Kaum sind die Silvesterböller verklungen, ertönen auch schon die ersten Karnevalstuschs im neuen Jahr. Das ist gerade mal einige Tage alt, und schon ist in Brand Bürgerprinz Ralf III. proklamiert und der Tröötemann enthüllt.

Die kurze Session macht’s möglich, denn schon am 10. Februar ist Aschermittwoch und damit bekanntlich alles vorbei. Kein Wunder also, dass sich die großen Aachener Karnevalsvereine ab sofort die Klinke des Europasaals im Eurogress quasi in die Hand geben. Mindestens eine große Sitzung pro Wochenende findet bis Karnevalssonntag dort statt. Doch trotz des geballten Angebots sind die Sitzungen so gut wie ausverkauft. Je nach Bestuhlung strömen zwischen 1100 und 1400 Jecke an die Monheimsallee, während viele kleinere Aachener Vereine immer weniger Zuschauer haben. Wie funktioniert das? Die „Nachrichten“ haben beim Aachener Karnevalsverein (AKV), der Stadtgarde Oecher Penn, der Prinzengarde, der Rathausgarde Öcher Duemjroefe, der Stadtwache Oecher Börjerwehr sowie bei den Oecher Prente nachgefragt.

Im Januar geht es Schlag auf Schlag im Eurogress: Der AKV ist mit seiner Ordenssitzung (1) und der Prinzenproklamation (5) gleich zwei Mal dort vertreten, aber auch die Oecher Prente (2), die Duemjroefe (3), die Oecher Penn (4), die Börjerwehr (6) und die Prinzengarde (7) bieten Wochenende für Wochenende dort ein komplettes karnevalistisches Programm. Foto: Roeger/Ratajczak/Krömer

Keine Konkurrenten

Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Die Tänzerin der Börjerwehr. Foto: Roeger/Ratajczak/Krömer

Neben dem Veranstaltungssaal haben die sechs großen Karnevalsvereine noch mehr Gemeinsamkeiten. Sie sehen sich nicht als Konkurrenten an. „Wir alle wollen das Brauchtum Karneval am Leben erhalten“, sagt etwa Prinzengarden-Kommandant Dirk Trampen. Und das sei schwierig genug, denn der Karneval habe seine Ausnahmestellung verloren. „Heute gibt es doch das ganze Jahr über Party: Sommerfeste, Oktoberfeste...“, zählt er auf. Und sogar auf dem Weihnachtsmarkt gebe es mitunter mehr Gaudi als „Stille Nacht“. Zwar verfolgten die Vereine „unterschiedliche Konzepte“, sagt Michael Hommelsheim, doch der Börjerwehr-Chef betont auch: „Wir sind alle eng befreundet.“

Die Oecher Prente begeistern das Publikum. Foto: Roeger/Ratajczak/Krömer

So setzt die Stadtgarde Oecher Penn als größter und ältester Karnevalsverein der Stadt bei ihrer Sitzung mehr auf traditionellen Karneval — also eine „abwechslungsreiche Mischung aus Musik, Reden, Tanz und Kunst“, wie Presseoffizier Dirk Roemer zusammenfasst. Die Prinzengarde bietet ihrem Publikum mehr Party an. „Unsere Sitzung ist eine der ersten im neuen Jahr, unmittelbar nach der Prinzenproklamation“, berichtet Dirk Trampen, „da haben die Leute zuhause noch den Weihnachtsbaum stehen.“ Und da komme Partystimmung besser an als viele Büttenreden. Die Oecher Börjerwehr stellt ihre große Sitzung immer unter ein bestimmtes Motto. In diesem Jahr ist es „jröne Insel“ Irland. „Wir sind der einzige Verein, der im Eurogress jährlich neue, dem jeweiligen Motto angepasste Bühnenbilder anbietet“, sagt Michael Hommelsheim. Entsprechend sei das Publikum verkleidet. „Das schweißt zusammen und schafft Atmosphäre.“ Terminiert ist die Börjerwehrsitzung immer am Karnevalsfreitag. „Da haben die Jecken einfach Bock auf Karneval“, berichtet der Kommandant aus Erfahrung.

09 Januar 2015 Prinzenproklamation Aachen, Prinz Axel II Schwarz mit Hofstaat im Aachener Eurogress © dmp.

Die haben auch die Oecher Prente gemacht, die traditionell am Karnevalssonntag den Schlusspunkt des Sitzungskarnevals setzen. „Wir verzichten auf ausschweifende Moderationen“, sagt Präsident Michael Hamacher. Orden und Geschenke gebe es beim Ausmarsch quasi nebenbei und Ehrungen nur bei vereinsinternen Veranstaltungen, denn: „Das Publikum möchte feiern.“ Ähnlich ist es bei der Rathausgarde Öcher Duemjroefe, deren Sitzung eine Woche vor Karneval das jecke Finale einläutet. Die Rathausgarde setzt ihren Schwerpunkt nach Auskunft des geschäftsführenden Vorsitzenden Peter Brust auf eine „sehr intensive Auswahl der Künstler“. Für das Duemjroefe-Publikum sei es erfrischend, Auftretende zu erleben, die in der Region noch nicht so präsent waren. „Ich erinnere an Jürgen Beckers“, sagt Peter Brust, „der bei uns schon 2005 aufgetreten ist, als er in Aachen noch gar nicht so bekannt war.“

Neuer Tanzpage der der KG Oecher Duemjroefe Cassie Schmeets aus Kerkrade. rat_Duemjroefe 01.

AKV mit zwei Sitzungen vertreten

17 Januar 2015 Sitzung der Löcher Penn im Eurogress Penn Show Tirol Dj Ötzi © dmp. Foto: Roeger/Ratajczak/Krömer

Und der AKV? Der ist gleich zwei Mal im Eurogress vertreten und bietet mit der Proklamation des Prinzen und der Ordenssitzung Wider den tierischen Ernst zwei Alleinstellungsmerkmale im Aachener Karneval. Während der AKV laut Pressesprecher Torsten Peters bei der Prinzenproklamation mehr auf Musik, Party und natürlich das Prinzenspiel setzt, seien bei der Ordensverleihung viele Dinge gesetzt, wie etwa Ritterrede, Laudatio, Kaiser Karl oder auch der Kinderkarnevalspreis. Der besondere Reiz bei der Ordenssitzung liege darin, „Menschen auf der Bühne zu erleben, die dort eine Rede halten, die sie sonst nicht halten würden“, sagt Peters, der trotz des umstrittenen Ritters Markus Söder und vieler Absagen nicht glaubt, dass es leere Reihen im Eurogress geben wird. Er dreht den Spieß sogar um: „Es gibt doch für einen politischen Gegner kaum eine bessere Möglichkeit, dem Ritter die Meinung zu sagen, als in so einem Rahmen wie bei der Ordensverleihung.“

Das beste Marketinginstrument für eine ausverkaufte Sitzung ist für viele Vereine die „Mund-zu-Mund-Propaganda“, oder wie es Peter Brust für die Öcher Duemjroefe ausdrückt: „Die beste Werbung ist die Sitzung des Vorjahres.“ Bei der Oecher Penn mit fast 700 Mitgliedern hingegen gehen die Karten ausschließlich an Mitglieder und deren Gäste. Von einer „geschlossenen Gesellschaft“ will Dirk Roemer aber nicht reden, sondern lieber von der „Penn-Familie“.

Reservierte Ehrenkarten

Ein ausverkauftes Eurogress bedeutet für die Vereine allerdings nicht, dass auch alle Karten bezahlt worden sind. Tickets für Ehrengäste oder Sponsoren halten alle bereit — mal mehr, wie beispielsweise bei der Prinzenproklamation, wo für den Hofstaat und deren Gäste jede Menge Karten reserviert werden müssen, mal weniger, wie etwa bei der Börjerwehr. Doch allein über den Eintrittspreis, der mit Ausnahme der Ordensverleihung, wo eine Gästekarte 200 Euro kostet, überall bei 20 bis 30 Euro liegt, kann kein Verein seine Sitzung finanzieren. „Mir ist nicht bekannt, dass irgendeine Karnevalssitzung im Eurogress Überschüsse erwirtschaftet“, sagt Duemjroefe-Geschäftsführer Peter Brust stellvertretend für alle Befragten. Die Rahmenbedingungen von der Saalmiete über Künstlergagen bis zu den Gema-Gebühren machten das unmöglich, so Brust. Also arbeiten alle Vereine mit Sponsoren zusammen oder finanzieren verschiedene Veranstaltungen quer.

Doch Geld ist nicht das einzige, das alle Aachener Karnevalsvereine — die großen und die kleinen — investieren. Der Kommandant der Prinzengarde, Dirk Trampen, formuliert es so: „Wir bieten durch unsere Sitzungen und Auftritte eine komplette Freizeitgestaltung für andere. Dazu gehört jede Menge Idealismus.“

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