Aachen: Übergriffe: Auch Aachen ist keine Insel der Seligen

Aachen : Übergriffe: Auch Aachen ist keine Insel der Seligen

Immer erschreckender werden die Details, die aus der Silvesternacht aus Köln bekannt werden: Frauen als Freiwild, die von betrunkenen Männerhorden massiv bedroht und bestohlen werden, überforderte Polizei, die der ausufernden Lage nicht Herr wird. Und auch aus anderen deutschen Städten werden ähnliche Exzesse gemeldet. Wie ist die Lage in Aachen?

Ist hier eine Insel der Seligen oder gibt es in der Grenzstadt ähnliche Vorfälle? „Diese Machart, dass Frauen gezielt umzingelt und attackiert werden, hat es in Aachen noch nicht gegeben“, antwortet Polizeisprecher Paul Kemen auf die entsprechende Frage.

Dennoch sei Aachen keine Insel der Seligen: „Dieser Personenkreis mit nordafrikanischem oder arabischem Erscheinungsbild ist auch bei Straftaten in Aachen als Tatverdächtige nicht außen vor.“ Entsprechende Hinweise erhalte man etwa bei Abziehdelikten, Trickbetrügereien oder Raubüberfällen.

In der Statistik unterscheide man aber lediglich zwischen deutschen und nichtdeutschen Tätern, dies gelte landesweit. „Darüber hinaus wird kein Unterschied gemacht.“ Und nichtdeutsche Täter seien in dem Zahlenwerk nicht über ihren Bevölkerungsanteil hinaus überproportional vertreten.

Unsicher gemacht würden von derartigen Ganoven vor allem die Innenstadt und die Pontstraße, generell die Vergnügungsmeilen. Wegen mehrerer Serien von Raubüberfällen fährt die Polizei seit geraumer Zeit Sondereinsätze: „Da lassen wir auch nicht locker.“

Aus einer Reihe von Szenekneipen, etwa in der Pontstraße, ist zu hören, dass immer wieder junge Männer auffällig werden, weil sie Gäste bestehlen oder belästigen. Deshalb gibt es Hausverbote etwa gegen Marokkaner und Algerier, die auch nachts auf der Straße versuchen sollen, Autofahrer anzuhalten und zu erleichtern. Ein Wirt: „Das ist hier ein großes Problem.“

Er schildert den Fall einer Frau, der die Handtasche gestohlen wurde, der Täter wurde mit dem Beutestück in der Hand festgehalten. Eine Streife sei gerufen worden, die mehr oder minder widerwillig gekommen sei und sofort gesagt habe: „Den Mann haben wir doch vor einer Stunde schon gefasst.“

Da hatte er ebenfalls einer Frau die Handtasche stibitzt. Da diese jedoch keine Anzeige erstattete, musste er wieder freigelassen werden — die Staatsmacht war machtlos.

Ein ähnliches Grummeln ist unter der Hand auch bei manchen Ordnungshütern zu vernehmen. Kollegen nähmen jemanden fest, der Haftantrag werde gestellt, aber nicht erlassen, weil der Betreffende einen festen Wohnsitz nachweisen könne und keine Fluchtgefahr bestehe. An dieser Nahtstelle komme es immer wieder zu Missverständnissen zwischen Polizei und Justiz, räumt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aachen, Katja Schlenkermann-Pitts, ein, die sie etwa auf Fortbildungen auch auszuräumen versuche.

„Vom rechtlichen Aspekt ist für uns der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entscheidend.“ Der Jurist habe halt immer die Strafprozessordnung im Hinterkopf, nach der eine Haftsache, also ein Ermittlungsverfahren, in dem ein Verdächtiger hinter Gittern sitzt, in einer Zeit von sechs Monaten zur Hauptverhandlung gebracht werden soll. Da muss zu Ende ermittelt werden, eine Anklage gefertigt werden, diese bei Gericht eingereicht und zugelassen werden, schließlich ein Termin bestimmt werden. Das dauert — im Regelfall drei bis vier Monate.

Bedeutet im Klartext: Der Delinquent muss mindestens eine Strafe in etwa gleicher Höhe zu erwarten haben, und das sei bei einem Junkie, der täglich einen Ladendiebstahl begehe und der Polizei gewaltig auf die Nerven gehe, nicht so schnell der Fall: „Man muss in jedem Einzelfall genau abwägen.“

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