Aachen: Überfall auf Juwelier: Der ganze Spuk dauerte exakt 56 Sekunden

Aachen: Überfall auf Juwelier: Der ganze Spuk dauerte exakt 56 Sekunden

Das war Maßarbeit: „Fern­­ab jeder Bewunderung muss man sagen, dass es aus Gaunersicht eine äußerst durchdachte und sorgfältig geplante Tat war“, zollt Polizeisprecher Paul Kemen am Tag danach so etwas wie Respekt.

Vier voll maskierte und mit Pistolen bewaffnete Männer hatten am Donnerstagnachmittag zur besten Einkaufszeit gegen 17.30 Uhr in der belebten Innenstadt einen spektakulären Überfall hingelegt. Sie fuhren mit zwei gestohlenen Wagen vor, blockierten mit einem die Ursulinerstraße, um den Fluchtweg zu sichern, stürmten das Studio Küpper am Holzgraben, bedrohten Kunden und Angestellte mit vorgehaltener Waffe und zerschlugen drei Schaufenster von innen und drei Vitrinen, gezielt suchten sie nach teuren Uhren der Marken Breitling, Omega und IWC. Geschäftsführer Günter Frantzen: „Die müssen das vorher ausspioniert haben. Sie haben ganz gezielt die hochwertigsten Uhren rausgeholt.“ Das teuerste Einzelstück trug ein Preisschild von 36.000 Euro, die Anzahl der entwendeten Chronometer konnte der Geschäftsmann am Freitag noch nicht nennen. Den Gesamtschaden beziffert er aber auf mehrere hunderttausend Euro.

Geschäftsführer Günter Frantzen vor der Vitrine mit dem zertrümmerten Sicherheitsglas, in dem sich die teuersten Stücke befanden. 2001 wurde das Studio schon einmal überfallen. Foto: Ralf Roeger

„Gottseidank ist nichts Schlimmeres passiert, das Menschliche geht vor“, atmet Günter Frantzen hörbar durch. „Der Schreck steckt dem ein oder anderen schon noch in den Knochen.“ Er selbst war zur Tatzeit in der Werkstatt in Hochparterre, als der chirurgisch ausgeführte Überfall passierte. Seine Frau jedoch und ein älteres Ehepaar, der Mann 88 Jahre alt, wurden mit vorgehaltener Pistole bedroht, sie seien aber sehr beherrscht geblieben. Mit Pistolenknäufen und einem Vorschlaghammer zertrümmerten die Gangster die Scheiben, teilweise aus Sicherheitsglas, mit brachialer Gewalt, steckten die Beute in mitgebrachte Umhängetaschen. Sie sprachen während der Tat kein einziges Wort und stürmten wie auf ein Kommando nach draußen, als ein Pfiff ertönte, um mit einem silbernen BMW der 5er Reihe mit dem Kennzeichen D — BK 335 über die Ursulinerstraße zu flüchten. Genau 56 Sekunden habe der Spuk gedauert, berichtet der Geschäftsführer, das habe man auf dem Überwachungsvideo gestoppt.

Zufällig sei auch ein Polizist vorbeigekommen, der in Zivil als Passant unterwegs war und das Fluchtauto sah. „Aber allein konnte er auch nicht viel ausrichten.“ Sind denn die gestohlenen Zeitmesser leicht an den Mann zu bringen? „Es sind gefragte Uhren, aber die haben alle Seriennummern. Die kann man nicht so einfach veräußern, schließlich sind die Zertifikate bei uns geblieben.“

Profis am Werk

Doch auch dafür dürften die Täter eine Lösung haben. Polizeisprecher Kemen: „Hier waren Profis am Werk.“ Noch nicht ganz klar ist, wie die Räuber zur Judengasse gelangt sind, wo das Fluchtfahrzeug am Abend im Zuge der sofort eingeleiteten Großfahndung in einer Tiefgarage gefunden wurde. Wahrscheinlich fuhren sie über den Büchel und den Markt, durch die um diese Zeit vielbenutzten Fußgängerzonen. Und da wird es Sprecher Kemen doch ein bisschen mulmig, wenn er daran denkt, was da hätte passieren können: „Es hätte durchaus anders ausgehen können, wenn die sich entdeckt gefühlt hätten.“ Denn die Waffen waren wohl echt, sonst hätten sie nicht zum Zertrümmern der Scheiben eingesetzt werden können.

Die Spurensicherung im Geschäft und in der Tiefgarage des Hauses Judengasse 8 dauerte noch bis Mitternacht. Über ein Dutzend Zeugen, die zunächst in einem Aseag-Bus untergebracht waren, wurden noch am Abend vernommen. Die Polizei sucht weitere Zeugen, die Angaben machen können über den Flugweg und ein mögliches Auto, in das die Täter in der Judengasse umgestiegen sind, oder die im Vorfeld Verdächtiges bemerkt haben (Telefon 0241/9577-31301oder -34210).