Aachen: Typisierungsaktion am Arbeitsplatz: Ein Betrieb sucht Blutsbrüder

Aachen : Typisierungsaktion am Arbeitsplatz: Ein Betrieb sucht Blutsbrüder

Blutkrebs. Mit dieser lebensbedrohlichen Diagnose wird in Deutschland alle 15 Minuten ein Patient konfrontiert. Ganz oft beginnt in diesem Moment auch ein Wettlauf mit der Zeit. Stehen gesunde Stammzellen für eine Transplantation früh genug bereit, ist die Chance auf Heilung groß. Voraussetzung: Spender und Erkrankter sind sogenannte genetische Zwillinge.

Nur wenn ihre Gewebemerkmale nahezu hundertprozentig übereinstimmen, akzeptiert der erkrankte Organismus die übertragenen Zellen. Doch wie lässt sich diese Nadel im „genetischen Heuhaufen“ der Menschheit finden? Die Antwort geben schon mehr als fünf Millionen Menschen allein in Deutschland. Sie haben sich als potenzielle Knochenmark­spender registrieren lassen.

Labore werten die eingesandten Proben aus und stellen die Typisierungsdaten den miteinander vernetzten Spenderdatenbanken zur Verfügung. Die bekannteste und größte davon ist die 1991 gegründete, gemeinnützige DKMS, ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei. An sie wandte sich auch der Betriebsrat des Aachener Planungs- und Beratungsunternehmens BFT, nachdem eine Kollegin an Leukämie verstorben war.

Chancen auf Heilung erhöhen

Das Motiv: Betroffenheit in Handeln umwandeln. „Uns war es wichtig, die DKMS-Datenbank um ein paar Einträge und damit um ein paar Chancen auf Heilung zu erhöhen“, begründet Organisatorin Ramona Buchholz das Engagement der Belegschaft.

Die DKMS unterstützt größere Firmen bei der Vorbereitung einer Typisierungsaktion mit einem Ansprechpartner und vielfältigem Informationsmaterial. So wurde bei BFT nicht nur für die Registrierung geworben, sondern im Vorfeld umfassend aufgeklärt.

„Vielleicht hängt einmal das eigene Leben oder das eines Angehörigen von einer Spende ab.“ Dieser Satz war beim BFT-Aktionstag häufig zu hören. 18 Kollegen und Kolleginnen hatten sich angemeldet, nahmen Wattestäbchen und Fragebögen entgegen. Keine zehn Minuten dauerte die simple Prozedur der Probenahme per Wangenabstrich und das Ausfüllen der Formulare. Die Beteiligungsquote von knapp zwölf Prozent stellte die Initiatoren zufrieden. Laut DKMS lag sie leicht über dem Durchschnitt betrieblicher Typisierungen.

Viele Beschäftigte des Unternehmens hatten sich bereits, wie auch Ramona Buchholz, privat registrieren lassen. Lisa Marie Ennens dagegen kam die betriebliche Aktion sehr gelegen. Schon lange stand die Registrierung auf ihrer To-do-Liste. „Die Typisierung am Arbeitsplatz macht es einem so einfach“, schätzt sie die Bemühungen des Betriebsrats. Sollten ihre Stammzellen einmal zu einem Empfänger passen, will sie nach der Spende auf jeden Fall über den Ausgang informiert werden. Aus privatem Erleben weiß sie um die Bedeutung einer solchen Spende und betrachtet sie für sich als absolut selbstverständlich.

Rückendeckung für die Typisierungsaktion gab es von der BFT-Geschäftsführung von Anfang an. Sie sicherte die Kostenübernahme — 40 Euro pro Typisierung — zu und unterstützte die Maßnahme. Für Ramona Buchholz, die die Aktion seitens des Betriebsrats organisierte, ist dies ein typisches Beispiel für das unkomplizierte Miteinander bei BFT, wenn es um soziales Engagement geht. Statt angestrengt nach einem passenden sozialen Profil zu suchen, geht der Aachener Planungs- und Sachverständigen-Dienstleister seit Jahren einen anderen Weg. Die Vorschläge zum Engagement kommen aus der Belegschaft. Sie sind daher so bunt und vielseitig wie das 155-köpfige Mitarbeiterteam selbst.

Fülle von Projekten

So werden seit mehr als zwölf Jahren auch Bildungspatenschaften in Bolivien übernommen, Austauschprogramme und Stipendien an der FH Aachen finanziert, Haarspenden für Krebspatienten gesammelt oder lokale Projekte der Flüchtlingshilfe unterstützt. Und in großer Zahl sind Mitarbeiter auch für die Freiwillige Feuerwehr tätig. Wer eine Initiative oder eine Aktion fördern möchte, kann dafür im firmeneigenen Intranet werben.

Das Unternehmen gibt dem Engagement eine Plattform und beteiligt sich immer wieder großzügig. Für Betriebsrätin Simone Bösken hat das einen schönen Nebeneffekt fürs Betriebsklima. „Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vernetzen sich durch die ehrenamtlichen Aktionen quer über alle Fachabteilungen hinweg. Wer beispielsweise gemeinsam beim Benefizlauf startet, fragt beim nächsten Projekt viel schneller einmal um kollegialen Rat.“

Jede weitere Registrierung kann Leben retten

Vor 30 Jahren gelang in Deutschland die erste „unverwandte“ Knochenmarktransplantation. Seither hat die gemeinnützige DKMS mehr als 55.000 Stammzellenspender betreut. Jeden einzelnen intensiv.

Das war auch für BFT-Mitarbeiterin Sonja Teißmann-Bornebusch eine gute Erfahrung, als sie vor einem Dreivierteljahr eine private Typisierung vornahm. Überraschend schnell nach Abgabe der Probe wurde sie zu vertiefenden Untersuchungen nach Köln gebeten. Keine drei Wochen später ließ sich die Ingenieurin die wertvollen Stammzellen aus dem Blut herauswaschen. Diese sogenannte periphere Stammzellen­entnahme ist das am häufigsten angewandte Verfahren. Negative Langzeitfolgen sind bis heute nicht bekannt. Kosten entstehen den Spendern keine.

Laut DKMS findet zurzeit jeder siebte Patient noch keinen „Blutsbruder“. Jede zusätzliche Registrierung kann deshalb von lebensrettender Bedeutung sein. Wer sich privat typisieren lassen möchte oder als Unternehmen aktiv werden will, findet alle Informationen auf der Webseite der DKMS: www.dkms.de.

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