Aachen: Traditionsreiche Gartenkolonie an der Mariabrunnstraße steht vor dem Ende

Aachen : Traditionsreiche Gartenkolonie an der Mariabrunnstraße steht vor dem Ende

Trauerstimmung in der Kleingartenkolonie Mariabrunn­straße: Die gut 90 Jahre alte Anlage zwischen den Gleisanlagen der Bahn und der Hohenstaufenallee steht offenbar vor einem Verkauf. Bis Ende nächsten Jahres sollen die 24 Pächter ihre Gärten verlassen. Dies wurde den Kleingärtnern vom Verpächter der Anlage, Bahn-Landwirtschaft Köln, auf einer Info-Veranstaltung in der vergangenen Woche mitgeteilt. Gerüchten zufolge ist dort der Bau von Studentenwohnungen geplant.

Der Schock sitzt tief bei den Kleingärtnern, die in diesen Tagen ihre Parzellen winterfest machen. Viele bauen dort seit Jahrzehnten Gemüse und Obst an oder erfreuen sich einfach an einem Stückchen Grün mit Blumen und Gesträuch. Der älteste Pächter bewirtschaftet sein Grundstück seit mehr als 50 Jahren. Er war einst selbst Eisenbahner, was früher Voraussetzung für die Nutzung der von der Bahn-Landwirtschaft verwalteten Flächen war. Heute kommen dort Menschen aus unterschiedlichsten Berufen und unterschiedlichster Herkunft zusammen.

Doch seit Anfang vergangener Woche wissen sie, dass ihre mit Schweiß und Herzblut hergerichteten Gärten in absehbarer Zeit plattgemacht werden sollen. Die Stimmung in der Anlage ist entsprechend gedrückt, wie auch Obmann Sven Ohle auf Anfrage bestätigt. Dass die gesamte Anlage verkauft werden soll, kommt auch für ihn vollkommen überraschend.

Kaum offizielle Auskünfte

In der Vergangenheit sei immer mal wieder von einem Teilverkauf die Rede gewesen — höchstens drei bis vier Gärten wären dann verschwunden. Nun aber soll alles vorbei sein. Ob den betroffenen Pächtern Ausweichflächen in den anderen Kolonien der Bahn-Landwirtschaft im Stadtgebiet angeboten werden können, ist ebenso ungeklärt wie so viele weitere Fragen zu dem geplanten Grundstücksverkauf.

Denn weitergehende Auskünfte sind schwer zu erhalten, wie auch die „Nachrichten“ feststellen mussten. Selbst die Bahn-Landwirtschaft, die als Zwischenpächter lediglich eine Verwalterfunktion für die kleingärtnerisch genutzten Flächen der Bundesbahn übernimmt, konnte bislang nichts Erhellendes über den geplanten Verkauf mitteilen. Man wisse lediglich, dass eine „Verwertung“ der Anlage geplant sei, sagt Harald Hohmeier von der Bahn-Landwirtschaft in Köln.

Zuständig ist dafür die Bahnflächen-Entwicklungs-Gesellschaft NRW (BEG) mit Sitz in Essen, die aber trotz mehrfacher Anfrage bislang ebenfalls keine Auskunft geben konnte. So ist bislang offen, ob es bereits einen festen Käufer für das knapp 8200 Quadratmeter große Areal gibt und ob er tatsächlich den Bau von Studentenwohnungen plant. Vermutlich gibt es eine Bauvoranfrage. Ein Wertgutachten soll angeblich in Arbeit sein.

Zumindest der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes (BLB NRW) hat inzwischen die ebenfalls im Viertel kursierenden Gerüchte dementiert, er sei Käufer der Gartenkolonie. Bernd Klass, Sprecher des BLB in Aachen, teilte auf Anfrage mit, dass man zwar ganz in der Nähe einige kleinere Parzellen erworben habe, die Kleingärten gehören laut Klass jedoch nicht dazu. Der BLB bereitet derzeit an der Hohenstaufenallee in unmittelbarer Nachbarschaft der Gartenkolonie den Bau des neuen Mobilitätszentrums der Fachhochschule vor. Dessen Flächenbedarf ist größer geworden, weil die zunächst geplante Zahl der Geschosse verringert werden musste.

Immer mehr Grün geht verloren

Fakt ist, dass in Aachen angesichts des großen Wohnungsbedarfs und der Grundstücksnöte verstärkt das Konzept der sogenannten Verdichtung und Blockinnenbebauung verfolgt wird. So verschwinden auch an anderen Stellen der Stadt immer wieder kleine grüne Oasen in Hinterhöfen zugunsten neuer Wohnhäuser. Geplant ist dies unter anderem auch ganz in der Nähe im Bereich Boxgraben und Südstraße.

Aus Sorge, dass durch diesen Trend zunehmend auch wichtige Erholungsbereiche und Kaltluftschneisen verlorengehen könnten, haben die städtischen Umweltpolitiker erst jüngst angekündigt, noch unbebaute Freiflächen verstärkt unter Schutz stellen zu wollen.

Dass sie dabei auch an die Gartenkolonie Mariabrunnstraße gedacht haben, ist kaum anzunehmen. Und doch geht allem Anschein nach nun auch dort ein weiteres grünes Kleinod mit einer langen Tradition verloren. In den 1920er Jahren wurden dort die ersten Gärten zwischen den Bächen Pau und Paunell angelegt. Im Laufe der Geschichte musste die Kolonie immer wieder Grundstücke abgeben, unter anderem an die Fachhochschule, später auch an das Heizwerk, das heute von der Stawag betrieben wird.

Nun läuft die Gnadenfrist für die verbliebenen Pächter. Für Mitte November ist ein weiteres Treffen mit Vertretern der Bahn-Landwirtschaft und der BEG angesetzt, bei dem die Kleingärtner mehr erfahren wollen über die Planungen für das Grundstück und wie es mit ihnen weitergehen soll. Die ersten sind bereits auf der Suche nach neuen Gärten, andere wissen jedoch noch nicht mal, dass sie ihren alten bald verlassen müssen — sie sind noch in Urlaub.

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