Aachen: Totes Kind: Leichtfertigkeit oder bedingter Vorsatz?

Aachen: Totes Kind: Leichtfertigkeit oder bedingter Vorsatz?

Schrecklicher Unfall oder von der Mutter verursachte Kindestötung? Im Fall der wegen Totschlags angeklagten Mutter Cindy C. (29) stehen sich die Auffassungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung bei den Plädoyers vor dem Aachener Schwurgericht diametral gegenüber.

So rückte Staatsanwalt Sebastian Muhl nach der Beweisaufnahme nicht davon ab, dass die in einem Methadon-Programm befindliche Mutter ihrer zweijährige Tochter am 11. August 2013 zu Hause das Medikament eingeflößt habe, um die Kleine ruhig zu stellen.

Das Kleinkind, das noch eine vierjährige Schwester hat, sei als Frühchen oft krank gewesen und habe die Mutter überfordert. Sie habe mit der Methadongabe — die ehemalige Drogenabhängige bekam über das Wochenende so genannte „Take-Home-Portionen“ mit nach Hause — das Kind ruhigstellen wollen und damit den Tod des Mädchens billigend in Kauf genommen. Diese Formulierung ist juristisch eine schwächere Form des schweren Vorwurfs, für den das Gesetzbuch eine Strafe zwischen fünf und fünfzehn Jahren Haft vorsieht. Weitergehende Milderungsgründe griffen nicht, so der Staatsanwalt, da es von Cindy C. kein Geständnis gebe.

Das könne es nach Einschätzung des Aachener Strafverteidigers Elmar Kirst auch gar nicht geben. Denn die Anklagebehörde habe sich viel zu früh auf die Einschätzung festgelegt, dass das Kind nicht auf einem anderen Weg an das Methadonfläschchen gekommen sein könne.

Und doch habe es unzählige Möglichkeiten gegeben. So habe die Mutter es unbeabsichtigt offenstehen lassen können, die ältere Schwester, eine Vierjährige, habe aus Spieltrieb die Medizin aufmachen können und gar das quirlige kleine Mädchen selbst. Sogar die DIN-Norm für Kindersicherungen — eine solche war auf der Medizinflasche — lasse eine Restunsicherheit zu, besonders dann, wenn Kleinkinder Zeit hätten, sich spielend mit dem Verschluss zu beschäftigen, da gebe es eben kein hundertprozentige Sicherheit.

Er streite nicht ab, so Kirst, dass seine ansonsten als sehr zuverlässig und liebevoll im Umgang mit ihren Kindern geltende Mandantin gefehlt habe und Schuld am Tod der Tochter sei. Doch das sei eine reine Fahrlässigkeit im Umgang mit der gefährlichen Medizin gewesen. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Arno Bormann fällt die schwierige Entscheidung am 7. April um 13 Uhr.