Aachen: „Totalschaden” in der Kita Talbotstraße

Aachen: „Totalschaden” in der Kita Talbotstraße

Gesetzt den Fall, es gelänge, sieben Eimer mit je zehn Liter Wasser übereinanderzustapeln. Dann hätte man die Menge Niederschlag, die von Donnerstag, 19 Uhr, bis 9 Uhr am Freitagmorgen niederprasselte - auf jeden Quadratmeter.

Mit 69,1 Liter die größte je in Aachen gemessene Menge seit Beginn der Aufzeichnung. Um das Starkregenereignis vollends richtig einzuordnen, muss man auf das bisherige Maximum verweisen: 66,6 Liter im September 1956, also vor fast 55 Jahren. Eine Art Weltuntergang: Blitze zuckten über den tiefschwarzen Himmel, Starkregen platschte nieder und Windböen peitschten über Aachen hinweg.

Rund 1000 Notrufe gingen bei der Polizei ein. Straßen wurden zu kleinen Flüssen, Kreuzungen mussten gesperrt werden, Unterführungen liefen voll, Gullydeckel wurden mit großer Wucht herausgedrückt, Hunderte von Kellern liefen voll, Alarmanlagen wurden ausgelöst, dicke Hagelkörner beschädigten Autokarossen. Besonders betroffen waren etwa der Außenring, der Kaiserplatz, die Jülicher Straße und die Unterführung Westbahnhof.

Polizei und Feuerwehr waren im Dauereinsatz. Da die Handynetze zum Teil zusammenbrachen, mussten die Ordnungshüter Überstunden machen, nach Schichtwechsel wurden Verbindungsbeamte in die Feuerwehrzentralen entsandt. Alle elf Löschzüge der Feuerwehr waren fast rund um die Uhr im Einsatz, bis zum Freitagnachmittag wurden 362 Wassereinsätze gefahren, das Vierfache der üblichen Zahl. Vielerorts waren nach den Worten von Lagedienstleiter Leo Graf auch Geschäfte betroffen, deren Inhaber erst am Morgen merkten, dass der Keller unter Wasser stand, vor allem im Bereich Adalbertstraße. Rund 260 Wehrmänner schufteten die ganze Nach hindurch. Graf: „Bei solchen Einsätzen sind vor allem Freiwillige gefragt.”

Am Tag danach war Aufräumen angesagt, Handwerker, Gutachter, Versicherungsvertreter arbeiteten im Akkord. Besonders betroffen war die Integrative Kindertagesstätte des Vereins für Körper- und Mehrfachbehinderte an der Talbotstraße, der eigentlich um 8 Uhr morgens seinen Betrieb wieder aufnehmen sollte. Als die erste Mitarbeiterin die Türe aufschloss, entdeckte sie, dass die weitläufigen Räume bis zu 60 Zentimeter hoch mit durch Fäkalien durchsetztem Wasser bedeckt waren. Leiterin Nathalie Weber fürchtet, dass der Sachschaden mindestens in den sechsstelligen Bereich geht: „Wenn nicht noch eine Null dazukommt. Das komplette Mobiliar und die technische Ausstattung müssen erneuert werden. Auch die Bausubstanz ist stark angegriffen. Da sind überall Bakterien drin.” Ein Sachverständiger wurde angerufen, doch der hat so viel zu tun, dass er erst nächste Woche kommt.

45 Plätze hat die Einrichtung für Kinder vom zweiten Lebensjahr bis zur Einschulung. Wahrscheinlich mehrere Wochen wird das Gebäude an der Talbotstraße komplett geschlossen bleiben. In einer benachbarten Kita konnte man am Freitag noch eine Notgruppe einrichten, die am Montag beginnen soll - für die Kinder von berufstätigen Eltern. Vereinsvorsitzende Maria Poqué spricht von Totalschaden: „Das sind menschliche Dramen. Wir brauchen Hilfe und suchen Räumlichkeiten für eine langfristige Lösung.” Obwohl Fachfirmen schon seit morgens das Fäkalwasser entfernen, stinkt es noch am Nachmittag bestialisch.

„Die städtischen Grünflächen sehen nach dem Unwetter zum Teil ziemlich wüst aus, hier waren Aufräumarbeiten nötig. Doch die Bäume sind stehen geblieben, haben allerhöchstens den einen oder anderen Zweig verloren”, zieht Rita Klösges vom städtischen Presseamt eine erste Bilanz. Immerhin eine positive Meldung - denn ansonsten hat das Unwetter vom Donnerstag die Stadt schwer getroffen. Beim Gebäudemanagement standen die Telefone am Freitag nicht still. Rund 60 Meldungen von Schäden an städtischen Gebäuden nahmen die Mitarbeiter entgegen. In den meisten Fällen waren die Keller vollgelaufen. Mehr als 30 Schulen und Kitas haben durch die Wassermassen Schaden genommen.

Auch den Neubau der Feuerwache an der Stolberger Straße hat es erwischt. „Allerdings ist der finanzielle Schaden hier nur gering”, erklärte Manfred Lennartz vom Gebäudemanagement. Immerhin, denn der Gesamtschaden an Gebäuden sei „irgendwo zwischen 50 000 und 60 000 Euro” anzusiedeln.

Hohe Kosten kommen wohl auch im Bereich Straßenunterhaltung auf die Stadt zu. Viele standen komplett unter Wasser, und mussten zum Teil bis zum Freitagvormittag gesperrt werden. So konnte Freitagmorgen erst gegen 10 Uhr die Vollsperrung an der Kreuzung Brüsseler Ring/Kaiser-Friedrich-Allee aufgehoben werden. Mit 60 Mann in 50 Einsätzen war des THW, das das Parkhaus an der Rudolfstraße auspumpte, auch im Keller des Alexianerkrankenhauses aushalf und zur Kläranlage Soers gerufen wurde, weil diese die Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte. In der Adalbertstraße musste eine provisorische Stromversorgung aufgebaut werden, damit die Apotheken ihren Betrieb aufrechterhalten konnten.


Auch für die Stawag stellte das Unwetter eine echte Ausnahmesituation dar. Durch den Starkregen kam es an drei Trafostationen im Stadtgebiet zu Versorgungsstörungen. Von Stromausfällen waren die Adalbertstraße, Rudolfstraße und die Heinrichsallee betroffen. „Der Großteil der betroffenen Haushalte konnte zwischen 22 und 22.30 Uhr wieder mit Strom versorgt werden”, sagt Pressesprecherin Anne Linden. Einige Haushalte mussten jedoch bis fünf Uhr am Morgen warten, bis sie wieder Strom hatten. „Wir hatten zehn Mitarbeiter im Einsatz, die auch die ganze Nacht durch gearbeitet haben”, sagte Linden. In Seen verwandelten sich auch die Parkhäuser Elisengalerie, Rathaus und Eurogress. Sie blieben jedoch befahrbar. Die Aseag meldete Verspätungen, da viele Linien Umleitungen fahren mussten.

In der Kleingartenkolonie Wiesental verwandelten sich die Wege in Wasserstraßen, 150 der rund 175 Gärten standen unter Wasser, Möbel und Elektrogeräte in der Lauben könnten praktisch nur noch in den Müll wandern, erklärte der Vorsitzende, Josef Mandelartz. „Manche Gärtner werden wohl einen Schock bekommen, wenn sie aus dem Urlaub kommen und einen Blick in Gärten und Lauben werfen”, vermutet er.

Mehr von Aachener Nachrichten