Aachen: Tihange-Gegner schlagen mächtig Krach auf dem Markt

Aachen: Tihange-Gegner schlagen mächtig Krach auf dem Markt

Der Karlspreisträger 2018 sollte sein „gelbes Wunder“ erleben, und das sei gelungen. Jörg Schellenberg, Wortführer des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomkraft, zeigte sich am Donnerstagnachmittag hochzufrieden mit dem Protest gegen Emmanuel Macron und dessen Energiepolitik.

Gut 1000 Menschen haben nach Schätzung der Veranstalter für ein „nuklearfreies Europa“ demonstriert und den Aachener Markt gelb eingefärbt.

„Hop hop hop, Tihange stop“ und „Abschalten“ riefen die Menschen so lautstark, dass es auch im Krönungssaal zu hören war. Nicht zu übersehen war auch das riesige an einer Hauswand angebrachte Transparent von Greenpeace und der Stop-Tihange-Bewegung: ­„Build a nuclear free Europe“. Als französischer Präsident habe es Macron in der Hand, die überalterten belgischen Meiler abzuschalten, sind sie überzeugt. Frankreich ist der wichtigste Anteilseigner der Betreiberfirma Engie Electrabel.

Schellenberg bezeichnet Macron als einen „Atomkraftaktivisten erster Güte“. Und: „Er hat die Macht, die AKW-Bedrohung zu beenden.“ Immer wieder greift Schellenberg zum Megafon und ruft der Menge zu, dass Macron den Karlspreis nicht verdient habe. „Hier kämpft eine ganze Stadt einhellig gegen Tihange. Dieser Mann ist es nicht wert, dass man ihn feiert.“ Macron rede zwar davon, den Planeten für die nächste Generation sicher machen zu wollen, zugleich aber nehme er ein „nukleares Desaster“ in Kauf. „Wenn es in Tihange einen Super-Gau gibt, ist das das Ende für Mitteleuropa wie wir es kennen.“

Doch auf dem Markt gibt es auch die Stimmen derer, die Macron gar nicht als Bedrohung empfinden, sondern als den visionären Europäer feiern, der sich gegen den neuen Nationalismus stemmt. Die Anhänger der Bewegung „Pulse of Europe“ setzen mit ihrem kräftigen Blau der Europafahne nicht nur farblich einen Kontrapunkt, sondern auch inhaltlich.

„Wir sehen Macron nicht als Feindbild“, sagt Beate Roderburg, „wir glauben, dass er etwas tun kann.“ Es gebe sogar „eine recht große Schnittmenge“ mit dem Aktionsbündnis gegen Atomkraft, erklärt sie und fordert ebenfalls: „Die maroden Kraftwerke müssen vom Netz.“ Aber das Problem der Energieversorgung könne nur europäisch gelöst werden, ist sie überzeugt. Ähnlich sieht es der „Pulse“-Aktivist Joachim Sina. „Europa ist nicht das Problem, sondern die Lösungsmöglichkeit.“

Macron habe den Karlspreis „absolut verdient“, weil er zurzeit „der einzige ist, der größer denkt und das Format hat, Europa weiterzuentwickeln“. Als Zeichen der Sympathie verteilen die rund 200 „Pulse of Europe“-Anhänger auf dem Marktplatz 3000 frisch gebackene Makronen unter den Umstehenden. Viele zeigen auch, wie groß das Dilemma ist, das ihnen Macron bereitet: mit blauem Fähnchen in der einen Hand feiern sie den Europäer, mit gelbem Regenschirm in der anderen Hand protestieren sie gegen den Atomkraftanhänger.

Für die Grünen war dieser Zwiespalt ein Grund, sich erst gar nicht an den Anti-Atom-Protesten am Donnerstag zu beteiligen. Stattdessen haben sie nur einen offenen Brief verfasst und die Abschaltung der Reaktoren gefordert. „Feige“, nennt das Jörg Schellenberg. Enttäuscht zeigte er sich auch von den Grünen Urgesteinen Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, die ebenfalls an der Karlspreisfeier teilgenommen, aber kein Wort zu Tihange sagen wollten.

Unter den Macron-Kritikern waren hingegen auch viele Anhänger der Linken. „Völlig richtig“ findet etwa der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko die Demonstration. Er hat seine Zweifel, dass der neue Karlspreisträger wirklich ein großer Europäer ist. Er nennt unter anderem die völkerrechtswidrigen Luftangriffe der Franzosen auf Syrien, die mit den Europäern nicht abgestimmt worden sind. Daran erinnern auch zwei Demonstranten, die über Stunden hinweg ein handgemaltes Plakat hochhalten: „Hallo Macron, respektieren Sie das Völkerrecht! Raus aus Syrien!“

Und schließlich gibt es auch noch jene Verfechter, die auf die aktuellen Proteste in Frankreich gegen die dortigen Wirtschaftsreformen hinweisen und zur Solidarität mit den Streikenden aufrufen. Alles in allem waren nach Polizeiangaben anlässlich der diesjährigen Karlspreisverleihung sechs Demonstrationen angemeldet. Alle sind friedlich geblieben, was auch dem Einsatzkonzept der Polizei zu verdanken ist. Trotz der ungewöhnlich strengen Sicherheitsvorkehrungen seien alle Absprachen „sehr kooperativ“ gewesen, lobte Schellenberg.

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