Theaterinitiative und Sozialwerk Aachener Christen ziehen an einem Strang

Kultur in Aachen : Heldenstück namens „Theater für alle“

„Theater für alle“: Das Projekt der Theaterinitiative und des Sozialwerks Aachener Christen zieht weite Kreise, um Hemmschwellen nachhaltig abzubauen – gerade bei jenen, die den Weg Richtung Bühne aus unterschiedlichsten Gründen oft nicht allein finden.

Wenn der Intendant des Theaters Aachen von einer „ganz fürchterlichen Vorstellung“ spricht, dann ahnt man schon, dass er sich dabei keineswegs auf die höchst engagierte Arbeit seines rund 300-köpfigen Bühnenteams beziehen kann. Im Gegenteil. „Unser Angebot stellt weder einen Luxus dar, noch darf es sich an einen elitären Kreis richten“, betont Michael Schmitz-Aufterbeck beim fröhlichen Austausch in der Zentrale des Sozialwerks Aachener Christen – nicht ohne guten Grund. Denn auch der „Auftritt“, den die Vertreterinnen unterschiedlichster Einrichtungen ebendort inszeniert haben, kann sich allemal sehen lassen.

Die rund zwei Dutzend Menschen, die in der ehemaligen Fabrik in der Rosstraße über ihre ersten Erlebnisse unterm Rampenlicht erzählen, haben denkbar unterschiedliche Biografien, Probleme und Ideale. Was sie verbindet: Wenn es um die vielbeschworene soziale und kulturelle Teilhabe geht, sind sie allzu oft auf Unterstützer angewiesen, die helfen, mannigfaltige Hemmschwellen zu meistern – auch, aber beileibe nicht nur finanzieller Art. Mit umso größerer Begeisterung blicken sie daher nun auf eine Erfolgsgeschichte zurück, welche das Sozialwerk bereits seit sieben Jahren in besonderem Maße mit der Theater-
initiative Aachen verbindet.

Anno 2012 haben Professor Reinhart Poprawe, Dr. Ingrid Böttcher und Adolf Bartz vom Vorstand des umtriebigen Fördervereins das Projekt „Theater für alle“ ins Leben gerufen. „Schließlich sind wir angetreten, um möglichst allen Menschen dieses besondere Erlebnis zu ermöglichen“, sagt Poprawe. Und kann noch vor dem Finale der laufenden Spielzeit eine alles in allem blendende Bilanz ziehen.

Denn inzwischen besuchen Gruppen aus unterschiedlichsten Einrichtungen regelmäßig die Schauspiel-, Opern- und auch Konzertbühnen zwischen Großem Haus, Kammer, Mörgens und Eurogress. Neben dem Sozialwerk sind sechs Initiativen im Boot, die sich um Jugendliche mit Migrationshintergrund und/oder besonderen Problemen beim Berufseinstieg kümmern, um Alleinerziehende, geflüchtete Frauen, Menschen mit psychischen oder geistigen Behinderungen oder massiven Suchtproblemen (siehe Info). Rund 350 spezielle „Gastspiele“ pro Saison konnten so nicht zuletzt dank finanzieller Unterstützung durch die Theater-
initiative organisiert werden. Vier Euro des ermäßigten Ticketpreises von 7,50 Euro steuert der Förderverein bei. „So erfahren die Besucher eine Wertschätzung, die besonders wichtig ist, und es ist ungemein ermutigend zu sehen, wie sie sich berühren lassen von den Stücken oder der Musik, die sie so eben nur auf einer richtigen Live-Bühne erleben können“, sagt Adolf Bartz. Mit Theaterpädagogin Katrin Eickholt und den Ansprechpartnerinnen aus den beteiligten Institutionen können sie Emotionen und Gedanken vor und nach den Vorstellungen gemeinsam reflektieren, manche sprachliche oder kulturelle Hürde gemeinsam aus dem Weg räumen, berichten die Teilnehmerinnen in vielen kleinen Geschichten rund um ihre oftmals ganz persönliche Premiere vor den Brettern, die die Welt bedeuten.

Denn auch dies verbindet die Menschen, die sie an diesem Nachmittag von bezaubernden oder auch mal bedrückenden, immer aber beeindruckenden Theatererfahrungen erzählen: Heute haben sich ausschließlich Mädchen und Frauen im Sozialwerk versammelt. Was den Intendanten prompt veranlasst, das nächste „Schnupperprojekt“ in Aussicht zu stellen: „Natürlich können wir auch die Werkstätten für Sie öffnen!“ Womöglich erleichtere dies dem einen oder anderen Mann, den Kunsthort ganz nach seinen speziellen Interessen zu erkunden und kennenzulernen. Und: Schließlich sei das Theater selbst in gewisser Hinsicht in einer ähnlichen Situation wie mancher potenzielle Besucher, meint Schmitz-Aufterbeck – nicht nur, weil die meisten Künstler ihrerseits finanziell alles andere als auf Rosen gebettet seien. „Auch für uns ist es ein großes Problem, dass die Tickets in der Regel teuer sein müssen, um den Spielbetrieb zu gewährleisten. Deshalb kann ich nur appellieren: Machen Sie Druck, damit Angebote wie dieses noch erweitert werden können. Es ist ja keine Frage, dass das mit Unterstützung engagierter Bürger möglich wäre.“ Auch das wäre sicherlich alles andere als eine fürchterliche Vorstellung.

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