Theaterbüro Aachen im Kreativmodus

Gleich zwei Produktionen : Stumme „Sidekicks“ bekommen einen Namen

Das Theaterbüro freut sich gleich zwei Produktionen auf die Bühne zu bringen. „Geschlossene Gesellschaft 2.0“ feiert diesen Freitag Premiere. „Das Aufbegehren der Sidekicks“ folgt im November im Theater 99.

Das Plakat zeigt einen Totenkopf. Darauf trägt er eine rote Narrenkappe. Einen Namen hat er nicht. Denn in „Das Aufbegehren der Sidekicks“ geht es um die, die bisher nur die Nebenrolle gespielt haben. Um jene, die in anderen großen Stücken von Shakespeare und Co. vielleicht sogar nicht einmal einen Namen hatten.

Wer kennt schon Nerissa, die Begleiterin der tapferen Portia aus „Der Kaufmann von Venedig“? Woher nimmt der Hofnarr aus „König Lear“ seine Weisheit und warum erfahren wir nie seinen Namen? Das Theaterbüro holt in seiner zweiten Eigenentwicklung diese „Sidekicks“ auf die Bühne und gibt ihnen nicht nur einen Namen und eine Stimme, sondern eine vollständige Persönlichkeit. „Wir haben die zehn berühmtesten Shakespeare Stücke analysiert und die Charaktere aus dem Kontext gelöst“, erzählte Regisseurin Elena Kristin Boecken. „Doch wir werden nicht in der Shakespeare-Sprache bleiben“. Vielmehr wurden die Charaktere in die heutige Welt gebracht, als lebendige Ausstellungsstücke in einer Anstalt.

Dabei ist das Publikum Teil des Stücks. Wer jetzt denkt, man werde auf die Bühne gezogen und müsse sich selbst zum Narren machen, den kann Boecken beruhigen: „Man muss nicht aktiv mitmachen“. Allzu viel möchten die Schauspieler allerdings noch nicht verraten. „Wer das Foyer betritt, ist automatisch Teil des Ensembles“, merkte Schauspielerin Aylin Duman an. „Im Raum Aachen habe ich bisher nichts Vergleichbares gesehen.“ Die Premiere ist am 22. November um 20 Uhr im Theater 99.

2016 Ensemble gegründet

Auf der Bühne stehen Aylin Duman, Simone Severin, Sven Bünemann und „Sidekicks“ – quasi die Nebenrollen der Nebenrollen. Die drei Darsteller haben sich zusammen mit Regisseurin Elena Kristin Boecken 2016 als Ensemble unter dem Namen „Das Theaterbüro“ zusammengetan. Im März 2018 kam mit „Red Poppy Flowers“ die erste eigene Stückentwicklung auf die Bühne. „Wir waren überrascht über das bunt gemischte Publikum“, erinnerte sich Duman. Ein großer Erfolg.

Ihr Regie-Debüt hatte Boecken 2017 mit dem Stück „Geschlossene Gesellschaft“ nach Jean-Paul Satre. Seitdem haben sich sowohl die Persönlichkeiten der Schauspieler als auch die politischen Rahmenbedingungen geändert. Oder anders formuliert: Die Welt hat sich verändert. „Wir wollen das Stück deshalb in einem neuen Kontext sehen und bauen es von Grund auf neu auf“, meinte die Regisseurin.

Unterschiedliche Charaktere

Die Handlung ist schnell beschrieben: Drei, sich unbekannte, völlig unterschiedliche Charaktere treffen sich nach ihrem Ableben in einem dunklen, fensterlosen und abgeschlossenen Raum. Schnell tun sich erste Konflikte auf – ein unendlicher Teufelskreis aus Anschuldigungen, Schuldeingeständnissen und Selbstbetrug. Die drei sind in der Hölle.

Das Bühnenbild ist schlicht. Gestapelte weiß gestrichene Getränkekisten, beklebt mit gesprungenen Spiegelscherben, erinnern an die Anfänge des Theaterbüros. Das Stück zeigt, wie sich das eigene Verhalten im Umfeld widerspiegelt. Vielleicht erkennt der ein oder andere Zuschauer sogar sein eigenes Spiegelbild auf der Bühne.

„Geschlossene Gesellschaft 2.0“ wird am 18. Oktober wieder im Theater 99 zu sehen sein. Wer das Stück bereits gesehen hat, wird es wiedererkennen, aber sich nicht langweilen. „Wenn dir ein Musikstück gefällt, hörst du dir das ja auch nicht nur einmal an“, zitierte die Regisseurin einen Gast und schmunzelte.

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