Aachen: Theater 99 zeigt Ein-Personen-Stück „Tief im Westen“

Aachen : Theater 99 zeigt Ein-Personen-Stück „Tief im Westen“

Für manche ist es eine Wunschvorstellung, für andere der pure Horror: das Leben im ländlichen Raum, auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt. Und genau dorthin verschlägt es Johannes, Anfang 50: in den Selfkant. Die Gemeinde im Kreis Heinsberg ist nicht nur eine mit rund 10.000 Einwohnern eher kleine, es ist bekanntlich auch die am weitesten im Westen Deutschlands liegende.

„Tief im Westen“ lautet der Titel des neuen Ein-Personen-Stückes, welches am Freitag, 26. Januar, im Theater 99 Uraufführung feiert, geschrieben und gespielt von Hajo Mans. Es erzählt das Leben von Johannes, von seiner Jugend im Selfkant, über seine Zeit in Berlin bis hin zu seiner halb erzwungenen Rückkehr in den Kreis Heinsberg. Er verfiel dem Alkohol, verlor erst seine Familie, dann seinen Job und sitzt nun, zu Beginn von „Tief im Westen“, in der Küche des elterlichen Hauses und schält Kartoffeln für das Abendessen mit seiner Jugendliebe Conny.

Seine Mutter lebt noch, ist allerdings in die Einliegerwohnung der Schwester gezogen, die auf der gegenüberliegenden Seite wohnt. Denn auch das ist eine Eigenart des Ländlichen: Häufig ist man nicht nur Nachbar, sondern auch noch verwandt. „Das ist Überwachung total“, hält Johannes in einem Monolog über die Nachbarschaft fest. „Da gibt es nicht nur Big Brother, sondern auch Big Sister, Big Onkel und Big Cousin.“

Keine Abrechnung

Doch „Tief im Westen“ sollte nicht verstanden werden als Abrechnung mit dem Selfkant oder dem ländlich-dörflichen Leben im Allgemeinen. Es gibt sicherlich eine ganze Menge Klischees. Es ist auch nicht so, als habe das Leben auf dem Dorf, mit Nachbarschaftshilfe und Schützenverein, nur Nachteile.

Für Johannes ist die Rückkehr in den Selfkant vor allem auch eine Reise zu sich selbst. In Zusammenarbeit mit Regisseurin Rena Ziegler und Techniker Georg Schramm ist ein Stück entstanden, dass seine Zuschauer mitnimmt auf eine emotionale und sehr abwechslungsreiche Reise der Gefühle. Mal möchte man herzlich lachen, wenn Johannes über seine Nachbarschaft erzählt, wer neben wem wohnt und wie auch „der Zugezogene“ nach Jahren mit Misstrauen beäugt wird. Mal wird man mit ihm sentimental, wenn wer über seinen Großvater erzählt, den er als „erste Identifikationsfigur und Respektsperson“ bezeichnet.

Mans, der bereits mit „Der Kontrabass“ erfolgreich gezeigt hat, dass er die Kunst beherrscht, als einzige Person auf der Bühne zu sein und 85 Minuten sein Publikum zu begeistern, sieht die Schwierigkeit des Stücks weniger darin, den vielen Text auswendig zu lernen, als vielmehr das Spiel „rund“ wirken zu lassen. Dafür war vor allem Regisseurin Ziegler zuständig. Gemeinsam erarbeiteten sie eine fein abgestimmte „Choreographie“, die dafür sorgt, dass das Stück nie statisch wirkt, dass es eine lebendige, darstellende Handlung bleibt.

Dafür ist im Theater auch immer die richtige Beleuchtung wichtig. Denn neben den kleinen Accessoires mit denen sich Johannes in seinen eigenen Großvater verwandelt, ist es vor allem das Licht, welches deutlich macht, wer eigentlich gerade spricht.

Bis zum Schluss, versprechen Mans und Ziegler, wird es keineswegs eindeutig sein, ob sich Johannes entscheidet, im beschaulichen Selfkant zu bleiben oder doch wieder in die Großstadt zu ziehen.

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