Aachen: Tempo-30-Zonen kriegen weiter Zuwachs

Aachen : Tempo-30-Zonen kriegen weiter Zuwachs

Was für die meisten Autofahrer eine Horrorvorstellung ist, wäre für Umweltschützer und viele Sicherheitsexperten nur folgerichtig: flächendeckend Tempo 30 in den Städten.

Vor wenigen Tagen erst hat der Hausarzt Alexander Mauckner mit einem „Appell Aachener Ärzte zur Verkehrslage“ einen weiteren Vorstoß zur „Entschleunigung“ unternommen. Nur so könne die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten spürbar gesenkt und eine „umweltorientierte Verkehrspolitik“ gefördert werden, sagen die Mediziner. Die Stadt Aachen ist allerdings kaum die richtige Adresse für ihre Forderung. Denn deren Verkehrsexperten erklären, bereits jetzt alles ausgeschöpft zu haben, was rechtlich möglich ist.

Links: Aachens jüngste Tempo-30-Zone in der Hein-Janssen-Straße. Oben rechts: Unklare Situation am Krugenofen, die Stadt wartet noch auf die Erlaubnis der Bezirksregierung zur Tempodrosselung. Unten rechts: Die Kita an der Stolberger Straße hat gute Chancen, demnächst in einem Tempo-30-Bereich zu liegen. Foto: Harald Krömer

Zum Beleg kann Harald Beckers vom städtischen Presseamt eine „Tempozonenkarte“ aus dem Jahr 2008 vorweisen. Viele grün eingefärbte Straßen sind darauf eingezeichnet, durchzogen von einem gelben Gitternetz und ein paar roten und noch viel weniger grauen Abschnitten. Grün steht für Tempo 30, gelb für 50, rot für 70 und grau für 100. Auf rund 80 Prozent aller Aachener Straßen gilt schon jetzt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h, schätzt Beckers — und die so ausgewiesenen Gebiete wachsen weiter.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 22.06.2017 Tempo 30 Zonen, Krugenofen.

„Sehr wohlwollende Prüfung“

Möglich macht dies unter anderem auch die Anfang des Jahres beschlossene Verkehrsrechtsnovelle, mit deren Umsetzung sich jetzt auch Heike Ernst, Abteilungsleiterin Straßenverkehr und Sondernutzungen, befasst. „Es ist uns ein großes Anliegen, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen“, erklärt sie und hat dabei auch die Interessen der schwächeren Verkehrsteilnehmer — Kinder, Alte oder Gebrechliche — im Blick. Wo immer Tempo 30 eingerichtet werden kann, nehme die Stadt „sehr wohlwollende Prüfungen“ vor, versichert Ernst.

Und so hat sie kürzlich erneut 39 Einrichtungen im Stadtgebiet gefunden, vor denen theoretisch jeweils 300 Meter lange Abschnitte mit Tempo 30 eingerichtet werden könnten. Dazu zählen etwa Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäuser, Altenheime oder Pflegeeinrichtungen, die nach neuer Rechtslage auch an Hauptverkehrsstraßen vor Rasern geschützt werden können.

Zu welchem Ergebnis ihre Untersuchung führen wird, ist noch offen. Zunächst muss auch noch eine Bewertung der Polizei abgewartet werden, voraussichtlich ab September folgen dann noch die politischen Beratungen. Dass das Tempo-30-Netz weiter wachsen wird, gilt aber schon jetzt als sicher.

Und gerne hätte die Stadt noch viel größere rechtliche Befugnisse, wie Verkehrsplaner Uwe Müller betont. „Wir waren immer für die weitestgehende Lösung“, sagt er. „Jede Kommune sollte vor Ort selbst entscheiden können, wie schnell wo gefahren werden darf.“ Doch dazu konnten sich die Verkehrsminister der Länder nicht durchringen, was nun weiterhin jenen Flickenteppich der unterschiedlichsten Tempozonen in den Städten schafft, der auch ökologisch ausgerichteten Verkehrsclubs oder auch der Fahrradlobby ein Dorn im Auge ist.

So gibt es in Aachen zwar kein Wohngebiet mehr, in dem schneller als 30 km/h gefahren werden darf. Doch Graben-, Alleen- und Außenring sowie alle großen Zufahrtstraßen sind davon ebenso ausgenommen wie die Straßen in Gewerbegebieten. „Wir brauchen ein leistungsfähiges Straßennetz“, sagt Heike Ernst zu den rechtlichen Voraussetzungen — und leistungsfähig heißt für den Gesetzgeber offenbar auch schnell.

Der orientiert sich dabei auch an dem Bedürfnis vieler Verkehrsteilnehmer, lange Wegstrecken in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen. Das gilt übrigens auch für Busfahrgäste. So warnt in schöner Regelmäßigkeit auch die Aseag vor allzu vielen Tempo-30-Zonen, weil sich dadurch Fahrzeiten verlängern und potenzielle Fahrgäste möglicherweise vergrault werden könnten.

Würde ein generelles Tempo 30 in Städten eingeführt, hätte sich dieses Thema jedoch ebenso erledigt wie ein weiteres Problem, mit dem sich Verkehrsplaner wie Heike Ernst oder Uwe Müller rumplagen müssen. Wenn sie an Stellen außerhalb von Wohngebieten das Tempo drosseln wollen, müssen sie nachweisen, dass durch solche Maßnahmen nicht mehr Verkehr in angrenzenden Straßen entsteht. Und auch die Klagen von Anwohnern über Raser, die von Hauptverkehrsstraßen mit zu hohem Tempo in die 30er-Zonen reinrauschen, dürften bei einem einheitlichen Tempolimit abnehmen.

„Nach jetzigem Stand haben wir gemacht, was machbar war“, sagt derweil Heike Ernst. Zuletzt wurde etwa die Hein-Janssen-Straße auf ganzer Länge zur Tempo-30-Zone erklärt. Weitere Teilstücke werden voraussichtlich ab Herbst ausgewiesen. Und für den Krugenofen hofft die Stadt noch vor der Sommerpause auf ein Signal der Bezirksregierung Köln. Dort soll per Ausnahmegenehmigung eine Tempobeschränkung zwischen Eupener Straße und Burtscheider Brücke durchgesetzt werden, um die Sicherheit für Radfahrer zu erhöhen.

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