Aachen: Taxifahrer kritisiert Knöllchenpraxis: Wilhelmstraße wird als Ziel gestrichen

Aachen : Taxifahrer kritisiert Knöllchenpraxis: Wilhelmstraße wird als Ziel gestrichen

Heinz Nütten möchte nicht mehr in die Wilhelmstraße fahren. Was im Normalfall nicht so ungewöhnlich ist. Man muss nicht in die Wilhelmstraße fahren, wenn man nicht muss. Nur: Eigentlich müsste Nütten zwischenzeitlich auch in die Wilhelmstraße fahren. Nütten ist nämlich Taxifahrer.

Und die Wilhelmstraße ist vor allem tagsüber wegen zahlreicher Praxen öfter nachgefragtes Ziel von Taxikunden — oft auch von älteren Menschen.

„Mir ist das zu teuer geworden“, begründet Nütten seine ausgeprägte Abneigung in Sachen Wilhelmstraße. Konsequenz: Er hat sich von der Taxizentrale für die Wilhelmstraße „sperren lassen“ — zu oft geht die Zielankunft auf Kosten des Portemonnaies. Knöllchen wegen Haltens im absoluten Halteverbot, wegen Haltens in zweiter Reihe, man kennt das.

Der letzte Fall datiert vom 4. Juli. Die schriftliche Verwarnung der Stadt weist Schwarz auf Weiß aus: Nütten hat mit seinem Taxi von 10.47 bis 10.48 Uhr im absoluten Halteverbot gehalten. Eine Minute lang! Um eine gehbehinderte Frau aus dem Auto zu lassen, die eine Arztpraxis aufsuchen wollte, so Nüttens Begründung. Sein Widerspruch gegen das Knöllchen ist zwecklos, die Stadt bleibt bei ihrer Verwarnung. „Reine Abzocke“, wettert der Taxifahrer — und zahlt.

Aber da könnte man doch ein Auge zudrücken... Nein, so die Stadt. Wenn eine Politesse vor Ort ist, muss sie ein Knöllchen schreiben. In dem Fall müsste der Taxifahrer eben den nächsten freien Parkplatz ansteuern, um seinen Fahrgast aus dem Auto zu lassen, so Rita Klösges vom städtischen Presseamt. Natürlich sei nichts in Stein gemeißelt. Ausnahmen zum Halten zum Beispiel vor stark frequentierten Praxen könne es geben. Die aber müssten von der Politik beschlossen und von der Straßenverkehrsbehörde angeordnet werden — was in der Regel zu Lasten bestehender Parkplätze gehen würde.

Nun gibt es aber den Paragrafen 12 der Straßenverkehrsordnung, der im 4. Absatz auch zum Halten in zweiter Reihe Stellung nimmt. Taxifahrer dürften, so es die Verkehrslage zulasse, ausnahmsweise in zweiter Reihe halten, um Fahrgäste ein- oder aussteigen zu lassen. Stimmt, bestätigt der Fachbereich Sicherheit und Ordnung der Stadt Aachen. Aber es gehe eben entscheidend um den Passus, dass die Verkehrslage das auch zulassen müsse. „Das ist in der Regel in einem zweispurigen Abbiegebereich nicht der Fall, weil zu gefährlich“, sagt Rita Klösges. Man könne darüber nachdenken, ob es sinnvoll sei, in bestimmten Brennpunktbereichen (z.B. vor Ärztehäusern) Kurzzeitparkplätze zum Ein- und Aussteigen einzurichten, die dann eben nicht in der Fahrbahn liegen und deshalb weder den fließenden Verkehr beeinträchtigen noch die ein- oder aussteigenden Menschen gefährden. Hier müsse eine Abwägung und sachliche Beurteilung der tatsächlichen Situation erfolgen.

Kein Auge zudrücken

Klösges räumt in diesem Zusammenhang auch mit dem gerne vorgebrachten Vorurteil auf, vor allem bei Paket- und Lieferdiensten werde das sprichwörtliche Auge des Gesetzes gerne einmal zugedrückt. „Stimmt nicht“, so die Stadtsprecherin. Der Stadt lägen hingegen Aussagen vor, die genau das Gegenteil thematisierten, dass die Stadt nämlich kein Auge zudrücke.

Wer anderes beobachte, könne sich gerne bei der Stadt melden, so Klösges. Mehrere Tage hat der Fachbereich Sicherheit und Ordnung der Stadt Aachen eigener Aussage nach „einen intensiveren Blick auf einige Gefahrenstellen in der Innenstadt“ geworfen. Politessen haben vor allem den Adalbertsteinweg, die Wilhelmstraße, den Bahnhofsplatz, den Boxgraben, die Peterstraße und die Theaterstraße in den Fokus genommen. In erster Linie ging es um sogenannte „Zweite-Reihe-Parker“, die nicht nur Einfahrten, Bürgersteige, Busspuren oder Fahrradstreifen blockieren, sondern auch für Staus auf diesen Straßen sorgen — mit erheblichen Auswirkungen auch auf weitere Straßen und Kreuzungen.

Beispiel Adalbertsteinweg: An drei Tagen sprachen Politessen 123 Verwarnungen aus, der „normale“ Durchschnittswert liegt in einem solchen Zeitraum laut städtischem Presseamt bei 49 Verwarnungen. An der Wilhelmstraße gab es bei diesen gezielten Kontrollen 57 Verwarnungen — sonst sind es 20. Deutlich über den normalen Zahlen lagen auch die Zahl der geahndeten Verstöße am Bahnhofsplatz und seiner unmittelbaren Umgebung.

An drei Tagen registrierten die Überwachungskräfte 87 Verstöße. Im gleichen Zeitraum sind es normalerweise rund 20. Weiterer neuralgischer Punkt ist der Boxgraben. 49 Verwarnungen ergaben die gezielten Maßnahmen — gegenüber drei an Tagen ohne verstärkte Politessen-Präsenz. Stolze 137 Knöllchen schrieben die Politessen auf der Peterstraße (17 bei „normalen“ Kontrollen). Während an drei Überwachungstagen auf der Theaterstraße normalerweise durchschnittlich 29 Knöllchen geschrieben werden, waren es an den drei Tagen der Schwerpunktaktion 91.

Vor allem im Bereich Peterstraße und Boxgraben sind laut Presseamt zukünftig mehr oder weniger regelmäßig weitere Schwerpunktkontrollen vorgesehen. Dort sei die Maßnahme auch aus Sicht der Überwachungskräfte am wirkungsvollsten gewesen. Insgesamt werte man die Aktion im Hinblick auf die Minimierung von Parkverstößen und auch in Bezug auf die Verkehrssicherheit als Erfolg. Daher sei geplant, auch in anderen Bereichen derartige Schwerpunktkontrollen vorzunehmen. Heinz Nütten wertet den Erfolg — aus seiner Sicht verständlicherweise — anders. Zumindest was die Wilhelmstraße anbelangt, will er knöllchenfrei bleiben — weil er das Ziel im Katalog seiner Taxitouren gestrichen hat.

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