Aachen: „Taxi Mama“ ist oft das größte Verkehrsrisiko

Aachen : „Taxi Mama“ ist oft das größte Verkehrsrisiko

Man muss sich nur mal morgens — zu Schulzeiten — den Betrieb vor einer Aachener Schule anschauen. Da fahren so viele Autos vor, dass man fast glaubt, dort würden Erwachsene unterrichtet. Unterwegs sind aber in der Regel Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren.

„Der Bringverkehr ist das größte Verkehrsrisiko an unserer Schule“, sagt Andreas Lux, Schulleiter der Gesamtschule Brand. „Morgens bricht hier alles zusammen.“ Viele Autos, ein- und aussteigende Kinder, das alles ist gefährlich. „Immer wieder gibt es Unfälle vor der Schule“, berichtet der Schulleiter. Die Gesamtschule Brand hat sich deshalb das ganze letzte Schuljahr mit dem Thema Verkehr befasst.

Die neue Elternhaltestelle an der Rombachstraße soll helfen, den Verkehr vor der Schule zu entzerren.

Alternativen zum Auto

Das Mobilitätsprojekt, das von der städtischen Kampagne „FahrRad in Aachen“ finanziert und mit dem Büro „verkehrskonzept“ gestaltet wurde, ist vor den Ferien zu Ende gegangen. Es soll die Straßen rund um die Schule sicherer machen und den Autoverkehr dort reduzieren. Das geht am besten, wenn man die Alternativen attraktiver macht. Den Bus zum Beispiel. Oder das Fahrrad.

Zum Auftakt gab es eine große Bestandaufnahme, berichtet Simone Heidemann vom Büro „verkehrskonzept“. 1224 der gut 1300 Schülerinnen und Schüler machten mit, eine stolze Zahl. Die Schüler gaben zum Beispiel Auskunft darüber, wie sie zur Schule kommen. Warum mit Mama oder Papa im Auto? Warum nicht mit dem Rad? Wo hakt es bei den Busverbindungen? 127 Schüler, 10,4 Prozent, gaben zum Beispiel an, dass sie mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Und selbst wenn der Schulweg kürzer als einen Kilometer ist, wird noch etwa jedes 20. Kind der Gesamtschule mit dem „Taxi Mama“ gefahren.

Beim Busverkehr sehen die Brander Gesamtschüler deutlichen Verbesserungsbedarf. Das ist ein zentrales Ergebnis der Befragung. Die jungen Leute kritisieren fehlende Verbindungen, schlechte Abstimmung mit dem Schulschluss, lange Wartezeiten, volle Busse…. Genau betrachtet wurden besonders die Busverbindungen nach Stolberg, Roetgen/Rott oder Lichtenbusch. Denn dort wohnen viele Schüler, die auf den Bus angewiesen sind. In Gesprächen mit der Aseag wird nun nach Lösungen gesucht. „Im September sollen konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen“, berichtet Barbara Kirchbrücher, bei der Stadt Aachen zuständig für den ÖPNV, die das Mobilitätsprojekt begleitet.

Von der akribischen Vorarbeit der Schüler ist sie sehr beeindruckt. Sogar Bus-Tagebücher habe man für die Erhebung geführt, berichtet Johann Houben (17), letztes Schuljahr in der Jahrgangsstufe 11. Auch über zusätzliche Busse (Verstärkerbusse) soll nach dem Willen der Schüler mit der Aseag verhandelt werden.

Zweites großes Thema war das Fahrrad. Dazu gab es den Aktionsmonat „Ab aufs Fahrrad“. Mit mehr als 200 Teilnehmern beteiligte sich die Gesamtschule Brand an der Aktion „Stadtradeln“. Die Teilnehmer versuchten, im Alltag möglichst viele Wege auf zwei Rädern zurückzulegen. Auch das gehört zum Mobilitätsprojekt: Auf dem Schulhof finden Fahrradfahrer nun moderne Radbügel vor. Die Zeit der Fahrradständer mit „Felgentötern“ ist vorbei.

Viel Energie hat die Schule investiert, um sichere Radwege zur Schule zu entwickeln. Sophie Vondenbusch und Carla Pellio aus der Jahrgangsstufe 5 arbeiteten da mit. „Wir sind Radwege abgefahren in Gebieten, wo viele Kinder mit dem Rad zur Schule fahren“, erzählt Sophie. Künftig kann die Schule ihren Schülern nun Routenvorschläge an die Hand geben. Den Radschulwegplan gibt es etwa für Forst, Eilendorf, Kornelimünster/Walheim und Brand, mit Extra-Hinweisen auf gefährliche Ecken.

Stephanie Küpper von der städtischen Kampagne „FahrRad in Aachen“, die das Mobilitätsprojekt begleitet, hat so einen Radschulwegplan im Schuljahr 2014/15 erstmals mit dem Couven-Gymnasium entwickelt. Ihr Fernziel ist es, Schulkindern in Aachen ein ganzes Netz von sicheren Radwegen fürs Fahrrad bieten zu können.

Künftig eine Radwoche?

Alle Schüler der fünften und sechsten Klassen an der Gesamtschule Brand bekamen im Aktionsmonat auch noch einmal eine große Portion Verkehrsunterricht mit Radfahrtraining. Zwar üben schon Grundschüler mit dem Fahrrad, „aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Vertiefung in den weiterführenden Schulen notwendig ist“, sagt Stephanie Küpper. Nur wer sicher mit dem Rad umgehe, könne auch den Radschulwegplan gut nutzen.

Welche Wirkung das einjährige Mobilitätskonzept an der Gesamtschule hat, muss sich noch zeigen. „Ich habe den Eindruck, dass mehr Kinder mit dem Fahrrad kommen“, sagt Andreas Lux vorsichtig. Für die Zukunft denkt die Schule zum Beispiel über eine Radwoche für alle Fünftklässler nach. Die Nachbarn von der Grundschule Brander Feld sehen jedenfalls durchaus Anknüpfungspunkte. „Was davon können wir an der Grundschule schon aufgreifen?“, überlegt Rektorin Anke Schürings.

Nach der Luise-Hensel-Realschule, der Montessori-Gesamtschule und dem Couven-Gymnasium war die Gesamtschule Brand die vierte weiterführende Schule, die ein Mobilitätsprojekt absolviert hat. Weitere interessierte Schulen können sich bei Stephanie Küpper melden (Stephanie.Kuepper@mail.aachen.de).

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