Aachen: Talbot-Rettung wurde mit einem Piccolo begossen

Aachen : Talbot-Rettung wurde mit einem Piccolo begossen

Dass diese Party doch noch steigen konnte, das hatte noch vor einem halben Jahr niemand so recht glauben mögen. Und doch: Die Talbötter, das stellte jetzt wieder ihr rühriger Betriebsratsvorsitzender Josef Kreutz fest, sind „unkaputtbar“, dies seit nun schon stattlichen 175 Jahren. Deshalb war die nach der Firmenrettung in einem Festzelt zwischen den Werkshallen angesetzte 175-Jahrfeier der Waggonbauer an der Jülicher Straße ein echtes Freudenfest für die Belegschaft, deren Familien und für eine Vielzahl geladener Gäste.

Als am 18. Oktober die Nachricht über die Absicht von Bombardier wie ein Bombe einschlug, dass der kanadische Schienenfahrzeug-Konzern das Aachener Werk dicht machen wolle, sei spontan eine Welle der Solidarität und der Unterstützung für die Belegschaft angelaufen, rekapitulierte Reuters. Unglaublich sei das gewesen, bedankte sich der alte und neue Chef der jetzt noch rund 300 Mitarbeiter öffentlich. Denn die Talbötter hätten sich sofort geweigert, das Ansinnen klaglos zu akzeptieren und kreierten spontan das Durchhaltemotto „wir bleiben“.

Sie alle saßen jetzt friedlich und schön aufgereiht nebeneinander an den Festtischen. Vor ihnen stand auf jedem Platz ein Piccolo-Fläschchen mit de Sonder-Etikett „175 Jahre Talbot“ — und warteten auf die Reden der Verantwortlichen, um sich dann um so ausgiebiger einem schönen großen Buffet mit Krustenbraten und anderen Leckereien widmen zu können.

Doch auch an diesem Freudentag steckte noch ein Rest des riesigen Schrecks über das beinahe wahrgewordene „Aus“ in den Gliedern der Talbötter. Deshalb bedankte sich der alte Bombardier-Werksleiter und neue Talbot-Services-Geschäftsführer Dirk Reuters überschwänglich bei allen intern für den Kampfesmut und die Weigerung, ihr Aachener Werk aufzugeben.

Und bei den Externen, hier nannte er ausdrücklich die Stadt Aachen mit ihrem Fachbereich Wirtschaftsförderung, das Land, der AVV-Geschäftsführung und die massive Unterstützung durch die IG-Metall, den Aachener DGB und die hiesige Polizeigewerkschaft, sei in allen Bereichen der Gesellschaft vom Pfarrer, über Kitas bis hin zu den Gemeindemitgliedern eine außerordentliche Hilfsbereitschaft zu spüren gewesen.

Erste Fühler zu Quip

Zur Stunde, sagte Reuters, sei man noch ein Teil von großen Bombardier-Weltkonzern, „in acht Tagen aber sind wir wieder Talbötter“. denn genau mit de, 1. Juli geht das Werk nach langen Verhandlungen und vielen neu geschlossenen Verträgen von Bombardier an die neue Talbot-Services-GmbH über, die zu 90 Prozent von der in Baesweiler beheimateten Quip AG getragen wird. „Als im November“, erinnerte sich Reuters an den Überlebenskampf, „die ersten Fühler dorthin ausgestreckt“ wurden, sei es noch ein weiter Weg gewesen. Doch „mein langjähriger Freund“, der Quip-Geschäftsführer Wolfgang Haller berichtete Reuters weiter, und der Betriebsratsvorsitzende Josef Kreutz gemeinsam mit IG-Metall-Chef Franz-Peter Beckers und der Bombardier-Spitze hätten das Kind in langen Verhandlungen geschaukelt.

Kreutz dankte sichtlich erleichtert der ganzen Belegschaft, die „wie eine Familie“ gehandelt hätten. „Ich sagen allen Mitstreitern der letzten acht Monate von herzen Dank“, rief Kreutz in den Saal und bekam Beifall. Man habe den „festen Willen“ gehabt, das zu erreichen, „woran man glaubt“. Und das sei das Werk an der Jülicher Straße, in dem nun sogar wieder Autos, nämlich das an der RWTH neu entwickelte Elektromobil Streetscooter, künftig gebaut würden.

Reuters dankte ausdrücklich der Enkelin des Firmengründers, Carlita Grass-Talbot, für die Erlaubnis, weiterhin den Familiennamen nutzen zu dürfen — das Werk war 1995 an Bombardier verkauft worden. Die zur Feier geladene Grass-Talbot antwortete denn auch bewegt „mein Vater wäre so stolz auf euch gewesen!“ und wünschte „alles Gute und Glück für einen erfolgreichen Neubeginn“. Das tat gleichermaßen Oberbürgermeister Marcel Philipp, der seine Genugtuung darüber äußerte, dass die Arbeitsplätze wie der Industriestandort Aachen erhalten blieben. „Wir sind stolz, das hier alles richtig gemacht wurde“.

Und die Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt bekräftigte, die Belegschaft habe einen bewundernswerter Kraftakt hervorgebracht: „Ihr seht, mit eurem Bekenntnis ‚wir bleiben‘ habt ihr viele, viele Leute ans Laufen gebracht!“ Und ab jetzt läufts wieder richtig bei Talbot.

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