Aachen: „Tag des offenen Denkmals“: Welch wunderbare historische und städtische Reise

Aachen : „Tag des offenen Denkmals“: Welch wunderbare historische und städtische Reise

Noch versteckt sich die Schöne hinter stahlgrauen Baugerüsten. Wenn die fallen, wird sie alle entzücken. Die Schöne — das ist die Gustav-Talbot-Siedlung an der Ecke Jülicher Straße/Burggrafenstraße. Sie gehörte zu den 42 Orten, die sich zum „Tag des offenen Denkmals“ in Aachen präsentierten.

Die mehr als 100 Besucher, die sich erstaunlicherweise zur Jülicher Straße aufgemacht hatten, wurden nicht enttäuscht. Die Architekten Florian Schweitzer und Michael Rau nahmen in mehreren Führungen mit auf eine wunderbare historische und städtebauliche Zeitreise.

Für die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft Gewoge plant die Arbeitsgemeinschaft Kaiser Schweitzer Architekten/Glashaus Architekten seit Frühjahr 2017 die Sanierung der alten, denkmalgeschützten Talbot-Siedlung. Ende 2018 wird sie fertig sein. Neun Häuser mit 61 Wohnungen werden als „Modernes Wohnen im Denkmal“ ein markantes Ensemble an der Jülicher Straße bilden. Vor fast 100 Jahren, in den 1920er Jahren, wurde die Siedlung als klassischer Werkswohnungsbau gegenüber der Talbot-Fabrik gebaut. Hinter solchen häufig anzutreffenden Siedlungen steckte zwar auch die „Idee Gartenstadt“ mit viel Licht, Luft und Sonne, aber vornehmlich dienten sie der „sozialen Kontrolle der Arbeiter“, wie Michael Rau erläuterte. Soziale Kontrolle hieß politische Kontrolle der — damals noch — sehr mit der Sozialdemokratie liebäugelnden Arbeiterschaft. Wer den Job verlor, flog auch aus der Wohnung.

Der Werkswohnungsbau war so etwas wie der Vorgänger des sozialen Wohnungsbaus. Es waren kleine Wohnungen, die Häuser sachlich und funktional, nur nach vorn die Fassaden verputzt, zur Gartenseite schlichter Ziegelbau. Dennoch attestierten die Architekten Schweitzer und Rau dem Ensemble „Qualitäten von hohem Wohnwert“ und „viel Liebe zum Städtebau“, erreicht durch „kleine architektonische Gesten“ wie zurückgesetzte Fassaden, verschiedene Fensterformen mit dekorativen Schlusssteinen in den Bögen und durch noch heute vorhandene baumbestandene freie Vorplätze sowie durch ein Ecktürmchen, das leider dem Krieg zum Opfer fiel.

Gläserne Anbauten

Welche professionelle Freude es den beiden Architekten machte, in diesen denkmalgeschützten Altbestand, der seit mehreren Jahren unbewohnt war und teilweise vom Hausschwamm befallen vor sich hin gammelte, etwas Neues zu setzen, wurde bei ihren lebhaften Schilderungen auf den Rundgängen anschaulich. Die Häuser, die nach vorn ihren ursprünglichen schlammbraunen Putz zurückbekommen, wurden förmlich „gedreht“ — nicht mehr zur Jülicher Straße richtet sich das Leben der Bewohner aus, sondern südwärts und mit weitem Blick.

Erreicht wurde dieser Dreh durch lichtdurchflutete, die Wohnungen vergrößernde und fast gläserne Anbauten. Die Wohnungen sind barrierefrei und bieten modernsten Standard. Parterre liegen große Terrassen, darüber weite Balkons. Die Rückseiten sind in einem hellen Beige, die Anbauten in einem sich davon optisch interessant absetzenden Grau gehalten. Noch ist alles im Bau, doch wer durch einen der drei alten unterschiedlich gestalteten Torbögen tritt, steht staunend in einem weitläufigen Innenhof und erkennt, wie großzügig alles sein wird.

Platanen, Kirchlorbeer, Bergahorn und andere Laubbäume stehen ringsum. „Idyllisch“, sagt Florian Schweitzer. Vier separat stehende, kubische Neubauten mit noch einmal 35 Wohnungen und eleganten Freitreppen arrondieren das Terrain. Ein Blockheizwerk beheizt die gesamte Siedlung. Eine Tiefgarage bietet 45 Stellplätze.

Der bundesweite Denkmalstag, „die größte Kulturveranstaltung Deutschlands“, wie Stadtbaurat Werner Wingenfeld sagt, stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Entdecken, was uns verbindet.“ Die Zeitreise ins vergangene Jahrhundert an der Ecke Jülicher Straße/Burggrafenstraße wurde dem gerecht. In einer Schau-Wohnung lag ein verrostetes Schild aus den alten Zeiten: „Der Aufenthalt und das Spielen unter den Torbogen ist streng untersagt. Der Verwalter.“ Das Schild hat ausgedient.

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