Aachen: „Tag der offenen Gesellschaft“: Gegen die Spaltpilze in der Gesellschaft

Aachen: „Tag der offenen Gesellschaft“: Gegen die Spaltpilze in der Gesellschaft

Licht, Wasser und ein paar Nährstoffe, viel mehr braucht es nicht, damit eine Pflanze gedeiht. Auch Menschen und Tiere werden mit ein wenig Fürsorge ganz von alleine erwachsen. Eine Gesellschaft hingegen wächst nicht einfach so zusammen — da bedarf es schon größerer Anstrengungen.

Zu hartnäckig sind die Spaltpilze, die sie auseinandertreiben wollen. Längst aber formiert sich Widerstand. Wie in vielen anderen Städten in der ganzen Bundesrepublik haben sich am Samstag auch in Aachen Menschen an gemeinsamen Tafeln zusammengefunden, um den „Tag der offenen Gesellschaft“ zu begehen.

Das Kunstwerkstattmobil steht am „Tag der offenen Gesellschaft“ vor dem Depot in der Talstraße.

Im Gemeinschaftsgarten „Hirschgrün“ an der Richardstraße haben sich Alexandra Kessler und einige ihr mehr oder weniger bekannte Gesichter mit einer Open-Air-Küche eingerichtet. „Wir sind schon den ganzen Nachmittag hier, und die Leute kommen und gehen — es ist ein fliegender Wechsel“, sagt sie. Doch gegessen wird erst in den Abendstunden, es gibt indisches Gemüse-Curry mit Basmati-Reis. Kurzerhand sind ein paar Kinder vom benachbarten Spielplatz herbeigekommen und rühren nun erwartungsvoll in den Töpfen. Schließlich soll hier nicht nur die Gesellschaft ein Stück wachsen, auch sie selbst möchten noch etwas größer und stärker werden.

Mit etwas gemischten Gefühlen sieht sich Jürgen Jansen das Geschehen an. Er, der sich für das Eine-Welt-Forum engagiert, findet es schade, dass es zwischen den gesellschaftlichen Initiativen nicht mehr Zusammenarbeit gebe. „Es stehen zwar viele für mehr Offenheit ein, aber die politischen und ökologischen Ziele sind häufig unterschiedlich, so dass eine gemeinsame Koordination schwierig ist.“ Im Gemeinschaftsgarten braucht es diese nicht mehr, das erledigt der Geruch von gutem Essen. Immer mehr Anwohner und Passanten setzen sich dazu — und bereitgestelltes Bier baut ebenfalls Hemmschwellen ab.

Smalltalk-Ratgeber empfehlen stets, in Gesprächen auf jeden Fall die Themen Politik und Religion zu umgehen. Das ist für jene Leute, die an diesem Samstag zusammengekommen sind, aber angesichts der Weltlage keine Option. Wenn sich gerade beides auf unheilvolle Weise miteinander vermischt, dann muss man darüber reden, so sieht man es hier. Das mag aber auch daran liegen, dass die Gespräche nicht an Stehtischen mit weißem Überzug und mit einem Sektglas in der Hand stattfinden, sondern quasi nebenbei beim Zwiebelschneiden und Salatanrichten auf zusammengeschusterten Holzbrettern.

„Rechtsweg ist ausgeschlossen“

Offenheit kann man aber auch ganz praktisch verstehen. Vor dem Depot Talstraße haben sich die Künstler Sebastian Schmidt und Todde Kemmerich mit ihren Kunstwerkstattmobil postiert, um auf die ihrer Meinung nach viel zu kurzen Öffnungszeiten des Quartierstreffpunkts hinzuweisen. Das Politische ist aber auch hier nicht weit, genauer gesagt lehnt es in Form eines Transparents am Wagen. „Der Rechtsweg ist ausgeschlossen“ steht da drauf.

„Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen“, sagt Kemmerich, während er für die ankommenden Gäste Kaffee aufsetzt. „Es geht heute darum für eine offene Gesellschaft einzustehen. Der Rechtsextremismus ist aber eine ausgrenzende Ideologie, und die wollen wir hier am Tisch nicht haben.“ Eine Malerin, die im Depot ihr Atelier hat, kündigt sich im Vorübergehen an: Sie wolle noch eben eine Zeit lang das gute Tageslicht nutzen, dann werde sie sich ebenfalls dazugesellen.

Es sind kleine Inseln von offenen Gesellschaftsentwürfen, die da an diesem Tag in der ganzen Stadt entstanden sind — unter anderem auch am Theater Aachen. Während um sie herum die Gleichgültigkeit und die Hektik des Alltag weitergehen, machen die Beteiligten das, was viel mehr Menschen in Zeiten des Umbruchs machen sollten: sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und unbefangen miteinander zu reden. Und wenn es dabei noch etwas Leckeres zu essen gibt, dann erst recht.

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