Aachen: Suermondt-Ludwig-Museum: Gemälde aus der Werkstatt Rembrandts verkratzt

Aachen : Suermondt-Ludwig-Museum: Gemälde aus der Werkstatt Rembrandts verkratzt

Das Auge eines Laien wird über den Kratzer vielleicht hinweggleiten. Geschulte Blicke aber bleiben an der wenige Zentimeter langen Beschädigung auf dem Gemälde aus der Werkstatt Rembrandts hängen. „Bruststudie eines alten Mannes“ lautet der Titel des Bildes, das in den 1640er Jahren entstand und seit langem Teil der Sammlung des Suermondt-Ludwig-Museums (SLM) ist.

Vor wenigen Tagen hat eine unbekannte Person einen frischen Makel auf der Brust des alten Mannes hinterlassen. Tat oder Unfall — bislang ist das unklar. Die Polizei hat den Vorfall am Dienstag aufgenommen.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 05.04.2018 Suermondt-Ludwig-Museum, Kratzer im Bild.

Den Wert des Gemäldes schätzt Michael Rief, stellvertretender Direktor des SLM und Kustos der Sammlungen, auf etwa 200.000 bis 250.000 Euro. Im Gegensatz dazu sei der Sachschaden, den die unbekannte Person an dem Werk hinterlassen hat, gering. „Circa 50 bis 70 Euro“, sagt Rief. „Natürlich würde der Kratzer bei einem Verkauf auch eine Wertminderung bedeuten, aber für uns ist das unerheblich.“ Das Bild werde sein Zuhause immer an der Wilhelmstraße behalten.

„Bruststudie eines alten Mannes (Rabbiner)“: Das Gemälde aus der Werkstatt Rembrandts hängt im Suermondt-Ludwig-Museum. Am vergangenen Sonntag hat eine unbekannte Person einen Kratzer darauf hinterlassen. Michael Rief, stellvertretender Museumsdirektor und Kustos der Sammlungen, zeigt die Stelle. Foto: Harald Krömer

Viel schwerer wiege, dass der Schaden dem Werk aus dem 17. Jahrhundert in Zukunft anhafte. Denn vollständig rückgängig machen lasse er sich auch mit der Reparatur nicht. „Uns geht es ja vor allem darum, zu konservieren, der Nachwelt zu erhalten“, erklärt Rief, der auch studierter Restaurator ist. Und die vergangenen rund 380 Jahre habe das Gemälde gut überstanden. Gerade deshalb tue es aber weh, dass eine Narbe auf dem Gemälde zurückbleiben wird. Er ärgert sich darüber, dass der „Übeltäter“ sich nicht gemeldet hat.

„Erbe der Menschheit“

Der Vorfall muss sich am vergangenen Sonntag ereignet haben, ist Rief sich sicher. Am Samstag war bei einem Aufsichtsgang nichts Außergewöhnliches festgestellt worden, am Montag war das Suermondt-Ludwig-Museum geschlossen. Am Dienstagmorgen dann war die Beschädigung aufgefallen und gleich die Polizei verständigt worden. Aus dem Präsidium hieß es auf Nachfrage, es gebe aktuell keine Ermittlungsansätze. Rief rechnet sowieso nicht damit, dass Täter oder Unglücksrabe aufgetrieben werden können.

Auch wenn der Schaden in finanzieller Hinsicht nicht sehr hoch ist, muss das Museum jeden Vorfall dieser Art zur Anzeige bringen. Das ist Vorgabe des Kulturbetriebs der Stadt. „Das Gemälde gehört ja auch der Stadt Aachen und damit der Öffentlichkeit und ist nicht zuletzt ein Erbe der Menschheit“, erklärt Rief.

Immerhin: die Beschädigung ist reparabel, auch wenn der Kratzer tief ist und bis auf den Untergrund aus Eichenholz geht. „Ein Restaurator wird die Stelle retuschieren.“ Zunächst werde alles dokumentiert, schriftlich und in Fotos. Dann werde retuschiert — ein passender Farbton angemischt, der mit einem spitzen, dünnen Pinsel auf die schadhafte Stelle aufgetragen wird. Darüber kommt der sogenannte Firnis, eine dünne Schicht aus einem klaren Anstrich, der die Oberfläche schützt. Circa eine Stunde werde das Bild in der Restaurationswerkstatt behandelt. Die Kosten belaufen sich, wie bereits erwähnt, auf 50 bis 70 Euro. Das wäre in diesem Fall auch der Betrag gewesen, den jemand hätte zahlen müssen, dem das Missgeschick passiert ist. In 50 bis 100 Jahren müsse man sich um die Reparaturstelle erneut kümmern, weil sie „auseinander altert“.

Beschädigungen durch „Besucherbefall“ passieren jedoch selten, sagt Reif. Man müsse eine Balance zwischen Sicherheit und Kunsterleben finden. Einerseits müsse unbedingt verhindert werden, dass die Ausstellungsstücke zu Schaden kommen. „Andererseits wollen wir einen unverfälschten Kunstgenuss bieten, und das sollte wertgeschätzt werden.“

Sicherheitsvorkehrungen unvermeidlich

Gewisse Sicherheitsvorkehrungen seien jedoch unvermeidlich. Dazu gehören etwa Kameras in bestimmten Bereichen und möglichst viel Platz in den Ausstellungsräumen, damit es kein Gedränge gibt. Viele Leihgaben befänden sich hinter Glas. Außerdem wird Wachpersonal eingesetzt, das seine Augen allerdings auch nicht überall haben könne. Die Hausordnung schreibe zudem vor, was Besucher in den Ausstellungsbereich des Museums mit hineinnehmen dürfen — Handtaschen etwa nur bis zu einer Größe bis DIN A4.

Aber auch mit kleinen Dingen lasse sich Schaden anrichten, wenn man nicht achtgebe. „Ganz beliebt sind zum Beispiel Brillengestelle, um an einem Objekt etwas zu erklären — gefährlich vor allem wegen der kleinen, scharfen Teile.“ Weitere Kameras, alle Bilder verglasen — das könne sich das SLM als kommunales Museum auch von einer finanziellen Warte aus gar nicht leisten. „Und wenn es jemand darauf anlegt, Schaden anzurichten, ist es sowieso beinahe unmöglich, ihn davon abzuhalten.“

Dass eine Reinigungskraft den Schaden verursacht hat, ist übrigens kaum möglich. Selbst um die Ausstellungsstücke von Staub zu befreien, dürfen die Ziegenhaarpinseln nur von Restauratoren geschwungen werden. An Leihgaben wird ohne ausdrückliche Erlaubnis des Leihgebers gar nicht Hand angelegt.

Die Reparatur des Werkes wird frühestens in der zweiten Junihälfte vorgenommen. Bis dahin hängt die „Bruststudie eines alten Mannes“ inklusive Kratzer noch in der Ausstellung „Gestatten, Suermondt!“ und ist der Öffentlichkeit noch bis zum 17. Juni zugänglich.

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