Aachen: Studierende überzeugen bei Premiere von „Arsen und Spitze“

Aachen: Studierende überzeugen bei Premiere von „Arsen und Spitze“

„Man kann sie und ihre Schwester nicht davon abhalten, Gutes zu tun.“ Kommissarin Pomin (Sophia Linden) ist überzeugt, dass Martha (Charlotte Fenudi) und Agnes Mondschein (Danella Sarabia) harmlos sind. Dabei liegen im Keller der beiden älteren Damen elf Leichen, eine zwölfte befindet sich im Wohnzimmer.

Als Neffe und Theaterkritiker Michael Mondschein (Claudius Gatzweiler) den toten Körper entdeckt, stellt er seine Tanten zu Rede, die zugeben, weshalb sie Leute vergiften: Sie wollen einsame Menschen oder solche mit überholten Ansichten „erlösen“. Michael ist entsetzt, verpfeift seine Tanten aber nicht. Da kommt sein Bruder Friedrich (Krzystof Maletzko), der sich für Friedrich den Großen hält, ins Spiel, und Michael überlegt, ob er die Toten im Keller ihm, der ohnehin in einer Wohneinrichtung untergebracht werden soll, in die Schuhe schieben kann. Dann tauchen auch noch der dritte Bruder, Jonathan (Farsan Rahvari) und sein Freund Dr. Einstein (Jan Schulenburg) auf — mit einer weiteren Leiche.

Die schwarze Komödie „Arsen und Spitze“ von Joseph Kesselring, erfreut seit Jahrzehnten Theatergänger überall auf der Welt, und die Studierenden des Fachs Operngesang an der Hochschule für Musik und Tanz amüsierten mit ihrer Darbietung am Dienstag das Publikum prächtig.

Es gehört zum Lehrplan, dass die Studierenden ein Theaterstück erarbeiten. Doch da auf der Bühne nun eigentlich angehende professionelle Sänger standen, fanden auch Gesangsstücke ihren Weg in die Inszenierung. Darunter Bachs Choral „Jesus bleibet meine Freude“ oder das Duett „Lippen schweigen“ aus Franz Lehárs Oper „Die lustige Witwe“. Bei Letzterem konnte insbesondere Claudius Gatzweiler überzeugen, dessen Stimmgewalt man bei der Figur des Theaterkritikers nicht erwartet hätte. Zu Recht gab es hier den ersten großen Szenenapplaus. An die berühmte „Hungry Eyes“-Passage aus „Dirty Dancing“ erinnerte derweil die Gestik zwischen ihm und Desiree Werlen in der Rolle der Irene Haffner.

Die Inszenierung selbst überzeugte mit einer Fülle von Lokalkolorit — so befand sich der Haus der Mondscheinschwestern bei einer evangelischen Kirche in Aachen, zur Feier gab es Printen, und der Oberbürgermeister bekam den Namen „Philipp Marcel“. Gleichzeitig wurden aktuelle, politische Themen eingeflochten. Zynisch wurde über den Syrienkrieg gesprochen, bei der Leiche in der Truhe handelte es sich um Björn Höcke, und Jonathan Mondschein hatte vom Schönheitschirurgen seines Vertrauens, Dr. Einstein, ein Gesicht bekommen, dass an Anis Amri erinnerte. Sicherlich sind solche Witze nicht jedermanns Geschmack, aber davon lebt die Komödie.

Dann die alten Damen: Fenudi und Sarabia spielten mit einer Natürlichkeit, die Spaß macht. Gelobt werden soll auch Farsan Rahvari, der als rappender Gangster so manches Mal für Angst und Ekel sorgte. Die Regie übernahm Tobias J. Lehmann, Dozent an der Musikhochschule. Die Anforderungen an Sänger haben sich verändert, heute ist auch schauspielerisches Können gefragt. Darum sind Stücke wie „Arsen und Spitzen“ wichtig. Und das Aachener Publikum darf sich nicht nur an herausragendem Gesang, sondern auch an gutem Schauspiel erfreuen.

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