Aachen: Strunx-Sitzung: Warte-Profis trumpfen ein letztes Mal richtig auf

Aachen: Strunx-Sitzung: Warte-Profis trumpfen ein letztes Mal richtig auf

Erst wenn etwas vorbei ist, merkt man so richtig, was einem fehlt. Fehlen wird nicht nur die Strunx-Sitzung, sondern auch die Art, wie man sich die Karten dafür erkämpfen muss. Hier haben die Götter nicht den Schweiß, sondern das Frieren vor den Erfolg gesetzt. Ralf Muckel, wieder mal der Erste, war immerhin schon um ein Uhr da. Weil es die letzte Sitzung ist, wollte er ganz sicher gehen. „Wenn ich gewusst hätte, dass der zweite um halb drei kommt, wäre ich noch im Bett geblieben.“

So aber baut er sein Zelt auf, das ihm in dem berüchtigten Schneesturm vor Jahren schon einmal gute Dienste leistete. Er legt Matratze und Bettzeug zurecht und kommt sogar zu etwas Schlaf. Dann waltet er seines Amtes, schreibt über 70 Nummern auf ein Kreppband und vergibt sie an die Leute, die noch vor den Strunx-Offiziellen eintreffen. Hier herrscht halt noch echte Basisdemokratie.

Warten auf Karten als Survival-Training: Bei der Kälte kommt es auf die Ausrüstung an. Foto: Andreas Herrmann

Um halb drei klingelt derweil am anderen Ende der Stadt der Wecker. Marita, die ungekrönte Queen der allseits bekannten Eilendorfer Hardcore-Karnevalisten, denkt „gut, dass es das letzte Mal ist; aber das eine Mal muss ich es noch schaffen.“ Schon um drei ist alles wieder wie sonst, und Marita ergattert die Nummer sechs. Gegen zehn ist die Welt wieder so richtig schön, der Sekt fließt, und ihr Göttergatte verkündet die eiserne Regel, die hier zu beachten ist: „Nur keine feste Nahrung!“

Um halb vier treffen die Survival-Spezialisten um Stephan Franken ein. Aus ihrem Bulli wuchten sie einen massiven Profi-Grill einschließlich stabiler sechseckiger Theke, an der eine ganze Horde von Steinzeitmenschen Platz finden könnte. Mit Schaudern erinnert Stephan sich: „Bei dem Schneesturm konnte man sich eine Nummer ziehen und wieder nach Hause gehen; das war nichts für uns. Früher wurde auch viel mehr gegrillt, da kamen wir direkt nach der Kneipe her. Einige haben schon gesagt, dieses Happening könnten wir auch ohne Strunx weiter machen, also Warten auf Karten für eine Sitzung, die es nicht mehr gibt.“

Jeder hat sich auf seine Weise gegen die Kälte gewappnet. Was sich bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt bekanntlich immer anbietet, ist ein kühles Blondes. Oder ein Schlafsack. Nur die Weicheier verziehen sich ins Cafe Couleur. Irgendwo in der Nähe der Bühne liegt eine unbewegliche Mumie. Der Reporter macht sich Sorgen: „Lebt der noch?“ Irgendeiner meint „wahrscheinlich“, und später regt die Mumie sich auch, um ein komplettes Müsli mit allen Zutaten zu zelebrieren. Der Mann liegt seit sieben Uhr und hat letztes Jahr so gefroren, dass er auf die Idee mit dem Schlafsack kam. Als alles zuende ist, hängt alles, einschließlich Matratze und Fahrradhelm, irgendwie am Mumien-Mann. Und natürlich die Karten.

Ein anderer lagert dick verpackt auf einer Campingliege und liest in Seelenruhe ein E-Book, unter der Kaputze Kopfhörer. Gefühlt die Hälfte aller Akteure in dem bunten Heerlager hat ein Handy am Ohr. Bei der ersten Strunx-Sitzung gab es sowas noch gar nicht. Naja, um elf Uhr kommt dann auch die Sonne um die Ecke.

Und um fünf vor zwölf beginnt die Versteigerung alter Strunx-Utensilien, darunter sogar Heiligtümer wie alte Prinzenkostüme, die bisher ta-ta-tabu waren. Damenstiefel, um nicht zu sagen Stiefel gewisser Damen bringen fünf Euro, ein Atombusen aus Plastik samt einschlägiger Peitsche ist schon für zwei zu haben. Deutlich mehr bringt das „Bundeswehr-Ensemble für den kleinen Terroristen“, samt Bazooka, Tarnkappe und Pümpel obendrauf. Auch eine tragbare Bütt wird versteigert, erst im letzten Moment merken sie, dass sie die noch brauchen. Aber total ejal!

Das, wofür alle hier sind, nimmt am Ende die wenigste Zeit in Anspruch. Ruckzuck sind alle Karten weg. Marita kennt das schon: „Am schönsten ist das Drumherum; der Höhepunkt ist dann schnell vorbei.“ Tja, und zurück bleiben viele, die keine Karten mehr bekommen, darunter nicht wenige, die zum ersten Mal zu Strunx wollten, nachdem sie gehört hatten, dass es das letzte Mal ist.