Streit um Rinderherpes in der Städteregion löst auch Kritik aus

Zwangstötungen wegen Rinderherpes : Im Kreis der Landwirte wachsen die Unruhe und der Unmut

Das Warten geht weiter, ein Ende ist nicht in Sicht: Was aus der Herde der Familie Giesen im Aachener Stadtteil Nütheim wird, die nach einer Anordnung des städteregionalen Veterinäramtes getötet werden soll, weil sie mit dem Rinderherpes-Virus BHV 1 infiziert ist, bleibt wohl noch längere Zeit offen.

Erst wenn das Oberverwaltungsgericht in Münster eine Grundsatzentscheidung getroffen hat, wird das Landgericht Aachen über den Eilantrag der Giesens gegen den Bescheid der Städteregion befinden. „Wann das der Fall sein wird, kann ich aber noch nicht sagen“, erklärt OVG-Sprecherin Gudrun Dahme auf Anfrage unserer Zeitung.

Das werden Lambert Giesen und seine Familie nicht gerne hören. „Denn das Warten ist unerträglich“, sagt Tochter Anja Giesen. Aber auch andere Landwirte dürften nicht begeistert sein. Denn offenbar wächst der Unmut über die Hängepartie – und auch über die Haltung der Giesens. „Einige Kollegen leben auf einem Pulverfass. Denn wer seinen Hof in der Nähe hat, muss weiterhin fürchten, dass auch seine Tiere infiziert werden und damit seine Existenz bedroht wird“, sagt der Besitzer eines Milchviehbetriebes aus der Nordeifel. Dass er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist ein Beleg dafür, wie angespannt die Lage unter den Landwirten im Aachener Süden und darüber hinaus ist. Längst nicht jeder bringt Verständnis auf für das juristische Kräftemessen der Familie Giesen.

Das kann Heinz-Gerd Kleinjans bestätigen. Allerdings ist der Geschäftsführer der Kreisbauernschaft Aachen darum bemüht, zwischen den unterschiedlichen Lagern zu vermitteln. Für sich persönlich hat er gleichwohl eine eindeutige Meinung: „Für den betroffenen Betrieb ist das äußerst bedauerlich. Aber die Rechtslage ist eindeutig und sollte akzeptiert werden.“

Seit Juli 2015 gilt auch in Nordrhein-Westfalen als letztem Bundesland die „Verordnung zum Schutz der Rinder vor einer Infektion mit dem Bovinen Herpesvirus Typ 1“. Sie sieht ein striktes Impfverbot und eine Tötung von befallenen Tieren und Herden vor.

Die Durchsetzung der gesetzlichen Vorgaben ist Aufgabe der Städteregion. Dr. Peter Heyde leitet das zuständige Veterinäramt und ist seit Wochen intensiv mit dem Fall Giesen sowie dem zweier weiterer vom Rinderherpes-Virus betroffenen Betriebe im Aachener Süden beschäftigt. „Wir sind fast täglich auf den Höfen und kontrollieren die Lage“, berichtet Heyde im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Gefahr einer Ansteckung sieht der Veterinär derzeit gebannt. „Die Tiere sind im Stall, und es gibt klare Quarantäne- und Hygienevorschriften.“ Eine Infizierung sei nur über Körperausscheidungen möglich und eine Ansteckung somit nahezu ausgeschlossen. Das belegten auch die Untersuchungen der vergangenen Wochen: „Es ist keine neue Infektion im weiteren Umfeld der betroffenen Betriebe festgestellt worden“, betont Heyde. Das Impfverbot, das die Familie Giesen in Frage stellt, hält der Amtsleiter für absolut richtig: „Eine Impfung schützt nur die behandelten Tiere. Sie kann aber nicht verhindern, dass sich das Virus unter der Impfdecke weiter ausbreitet und Tiere, deren Immunsystem geschwächt ist, angesteckt werden können.“

Für die wirtschaftliche und emotionale Betroffenheit der Giesens zeigt Heyde großes Verständnis: „Allein die Vorstellung eines Landwirts, plötzlich vor einem leeren Stall zu stehen, ist eine Traumatisierung“, erklärt er. Und nicht nur das: „Die Genetik geht verloren. Es dauert viele Jahre, bis aus einer großen Zahl neu gekaufter Kühe eine funktionierende Herde mit einem funktionierenden Sozialgefüge geworden ist.“ An der grundsätzlichen Bewertung der Lage ändere dies allerdings nichts: „Es gibt leider keine Alternative zur Tötung der Tiere.“

Das freilich sieht die Familie Giesen gänzlich anders, wie Anja Giesen unterstreicht: „Wir wehren uns gegen eine Tötung auf Verdacht. Das Virus wurde zwar festgestellt, aber bei keinem unserer Tiere ist die Krankheit ausgebrochen.“ Man darf gespannt sein, zu welchem Schluss die Richter in Münster kommen werden.