Aachen: Straffälligenhilfe wagt jetzt den Neustart

Aachen : Straffälligenhilfe wagt jetzt den Neustart

Neustart — der Name ist Programm bei der Nachfolgergesellschaft der Straffälligenhilfe Aachen. Einerseits für die betreuten Gefängnisinsassen, die nach ihrer Haft einen Neustart ins „normale“ Leben schaffen wollen und müssen. Aber andererseits auch für die Gesellschaft selbst, die ein turbulentes Jahr 2017 hinter sich hat.

Seit dem ersten Januar firmiert das Team um Martin Czarnojan unter dem Namen „ABK Neustart“ und gehört damit zum paritätischen ABK-Hilfswerk mit Sitz in Herzogenrath. Alle konnten ihre Jobs behalten, das Betreuungsangebot konnte komplett aufrecht erhalten werden. Bis das aber in trockenen Tüchern war, hatten die Mitarbeiter der Straffälligenhilfe anstrengende und teilweise unsichere Monate hinter sich bringen müssen.

Im Sommer hatte die Straffälligenhilfe Insolvenz anmelden müssen. Weil in den Augen der Deutschen Rentenversicherung einige Mitarbeiter der Einrichtung in der Zeit von 2012 bis 2015 als Scheinselbstständige gearbeitet hatten, hatte die Rentenversicherung hohe Nachzahlungen eingefordert; es ging dabei um Lohnnebenkosten.

Auch wenn über diese Nachzahlungen immer noch vor dem Sozialgericht gestritten wird: Der Straffälligenhilfe, deren Jahresumsatz bei rund 900.000 Euro lag, hat der Vorfall finanziell das Genick gebrochen. „Zum Glück konnten dank der guten Zusammenarbeit mit dem Insolvenzverwalter alle Geschäfte fortgeführt werden“, berichtet Marin Czarnojan, ehemaliger Geschäftsführer der Straffälligenhilfe, jetzt Fachbereichsleiter bei der „ABK Neustart“. Die Mitarbeiter hätten Insolvenzgeld erhalten, alle Verbindlichkeiten konnten aus der Insolvenzmasse bezahlt werden.

Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens im November sei jedoch schnell klar gewesen, dass ein neuer Träger her musste für die Straffälligenhilfe. „Alleine hätten wir aus der Krise nicht herausfinden können“, sagt Czarnojan. Mit dem paritätischen Sozialwerk ABK-Hilfswerk, das seinen Hauptsitz in Herzogenrath hat, habe man einen Träger gefunden, der schon seit Jahren in der Städteregion tätig ist und bei dem auch jetzt schon in den Tätigkeitsfeldern große Überschneidungen sind.

Das Team ist kleiner geworden

Dennoch: Ein wenig verkleinert hat sich Czarnojans Team seit dem vergangenen Jahr schon. „Vor der Umfirmierung haben sich einige Mitarbeiter umorientiert“, sagt Czarnojan, zeigt aber für die Entscheidung aufgrund der mit der Insolvenz verbundenen Unsicherheiten großes Verständnis. Er wolle nicht ausschließen, dass man bald wieder neue Mitarbeiter suchen werde. „Doch jetzt müssen wir uns erst einmal im ABK einfinden, und wir wollen unsere Arbeit innerhalb des Verbands langsam aufbauen“, sagt Czarnojan.

„Unser Landesverband ist im vergangenen Jahr mit der Frage auf uns zugekommen, ob wir nicht die Trägerschaft der Straffälligenhilfe übernehmen wollen“, erklärt Fred Perlbach, Geschäftsführer des ABK-Hilfswerks und auch der neu gegründeten „ABK Neustart“. „Ich kann immer noch nicht ganz nachvollziehen, wie es sein kann, dass die Rentenversicherung einer gesellschaftlich so wichtigen Einrichtung, einem kleinen, unabhängigen Träger das Leben so schwer macht“, sagt Perlbach. Für ihn sei es auch ein Stück weit eine solidarische Verpflichtung gewesen, den Kollegen der Straffälligenhilfe unter die Arme zu greifen.

Etwa 400 Klienten hat die Straffälligenhilfe alleine im vergangenen Jahr in ihrer Beratungsstelle gezählt, rund 60 Menschen werden fest über einen längeren Zeitraum betreut. Das Angebot umfasst dabei die Vorbereitung auf die Entlassung aus einer Justizvollzugsanstalt, das Übergangsmanagement für suchtkranke Haftentlassene, die Begleitung in Substitutionsangebote für drogenabhängige Menschen oder auch das betreute Wohnen und die Hilfe bei der Suche nach Wohnraum. Finanziert wird die Arbeit vor allem durch Zuwendungen des Landesjustizministeriums, des Landesverbands, der Justizvollzugsanstalten und auch der Städteregion.

Was ebenfalls weitergehen wird, ist die Arbeit der rund 100 ehrenamtlichen Helfer der Straffälligenhilfe. Auch diese habe man bei der Entscheidung, sich dem ABK-Hilfswerk anzuschließen, beteiligt. „Auch der Arbeitskreis Straffälligenhilfe, also der Verein im Hintergrund, wird weiter bestehen“, sagt Martin Czarnojan. Dieser Verein will sich innerhalb des neuen Dachverbands besonders für die Belange der Straffälligen einsetzen, beispielsweise auch einen regelmäßigen Infobrief herausgeben — und eben die Arbeit der Ehrenamtlichen koordinieren.

Die Geschäftsräume an der Königstraße 1b in Aachen hat man im Übrigen beibehalten. Lediglich das Schild am Hauseingang wurde ausgetauscht. Andere Büroräume der ehemaligen Straffälligenhilfe sind jedoch aufgegeben worden.

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