Aachen: Straffälligenhilfe kommt auch den Opfern zugute

Aachen : Straffälligenhilfe kommt auch den Opfern zugute

Wie es um einen Staat bestellt ist, so schrieb der russische Schriftsteller Lew Tolstoi einmal im 19. Jahrhundert, erfahre man am ehesten, wenn man sich dessen Gefängnisse von innen ansehe. Mindestens ebenso wichtig wie die Bedingungen in den Haftanstalten ist aus Sicht der Betroffenen jedoch die Zeit danach.

Es ist der Punkt, an dem die Gesellschaft, welche die Leute hinter Gitter bringt, auch der Verantwortung gerecht werden muss, sie wieder einzugliedern. Die Straffälligenhilfe Aachen mit ihren mehr als 100 freiwilligen und professionellen Helfern nimmt sich in der Städteregion dieser Aufgabe an.

Mit insgesamt 333 beratenen Hilfesuchenden und der nun auf fünf Jahre hinaus gesicherten Finanzierung durch die Städteregion könne man durchaus von einer erfolgreichen Bilanz für das vergangene Jahr sprechen, so Martin Czarnojan, Geschäftsführer der Straffälligenhilfe Aachen.

Gegen Ende 2016 wurde das betreute Wohnen nun auch für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten erweitert, das vorher nur Leuten mit Suchterkrankung offen stand. Knapp einhundert Menschen haben dieses Angebot im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. „Oft sind die Haftentlassenen erst einmal völlig überfordert mit der Wohnungs- und Arbeitssuche, da können wir wichtige Unterstützung bieten“, sagt Nadja Mühlenbach, die für das betreute Wohnen zuständige Sozialarbeiterin bei der Straffälligenhilfe, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Ein weiterer neuer Bereich in der Arbeit der Beratungsstelle ist die psychosoziale Prozessbegleitung. Sie soll Opfern von schweren Gewalttaten oder Sexualdelikten durch die häufig aufreibenden und belastenden Gerichtsprozesse helfen. „Viele Leute glauben, dass wir nur mit Straffälligen zusammenarbeiten. Aber im Großen und Ganzen ist die Arbeit, die wir machen, immer auch zum Schutz der Opfer gedacht“, betont Geschäftsführer Czarnojan.

Eine große Hürde bei der Resozialisierung stellen aus Sicht der Straffälligenhilfe immer auch Suchtbelastungen und Abhängigkeiten dar. In Form von Gruppentherapien beginnt die Straffälligenhilfe daher schon zum Zeitpunkt der Inhaftierung mit ihrer Arbeit. Und diese Angebote werden angenommen, wie die Leiterin der Beratungsstelle, Sabine Spee, erklärt: „Für viele ist schon die Aussicht auf ein später suchtfreies Leben Motivation genug, daran teilzunehmen.“ Überhaupt könne man bei den jüngeren Strafgefangenen eher die Bereitschaft ausmachen, ihr Leben grundlegend zu ändern und beispielsweise eine Ausbildung zu beginnen, so Spee.

Für die Zukunft hat sich die Straffälligenhilfe zusammen mit der JVA Heinsberg mit zwei Integrationshelfern auf die wachsende Anzahl an Häftlingen mit Migrationshintergrund vorbereitet. „Viele dieser Menschen sind mit 20 bis 30 Jahren gerade in einem Alter, in dem die meisten Straftaten begangen werden. Dazu kommt, dass die Gesellschaft empfindlicher geworden ist und die Leute schneller wegsperrt“, sagt Czarnojan. Wenn es nach ihm ginge, müsste man hingegen mehr Hafturlaube und Besuche in den Kontaktzimmern der Gefängnisse zulassen, um die Rückkehr in die Welt außerhalb der Gitterstäbe zu erleichtern.

Mehr von Aachener Nachrichten