Stören die Mountainbiker das Miteinander im Aachener Wald?

Sport und Naturschutz : Der Wald ruft, die Mountainbiker kommen

Die einen wollen in freier Natur ihrem Sport nachgehen, die anderen fühlen sich massiv gestört: An den Mountainbikern im Wald scheiden sich die Geister. Das Forstamt versucht immer wieder, etliche illegale Trails mit gefällten Bäumen zu versperren. Auch das sorgt für Kontroversen.

Für eingefleischte Mountainbiker ist der Aachener Wald offenbar ein „Goldschatz“ mit einem „traumhaften Trail-Netz“ und Routen, die selbst Auswärtige mit der Zunge schnalzen lassen. Eine „fantastische Basis“ sei das, um den Öcher Bösch auch touristisch ordentlich zu erschließen, wenn man die Strecken nur richtig beschildern und offiziell freigeben würde, findet der überzeugte Biker Ralf Stowasser, der diese Empfehlung auch schon dem Oberbürgermeister zugeleitet hat.

Doch was Stowasser so begeistert, ist für manch andere Waldbesucher der reine Horror: Radfahrer, die wild durchs Unterholz brettern und urplötzlich die Wege der Spaziergänger kreuzen. „Wir haben immer wieder massive Beschwerden über rücksichtslose Mountainbiker“, sagt Forstamtsleiter Gerd Krämer. Fußgänger, aber auch Reiter fühlten sich oftmals von vorbeirasenden Bikern belästigt und auch gefährdet, weiß er. Eben deshalb habe man große Hoffnungen auf den Bikepark am Dreiländereck gesetzt. „Um den Druck rauszunehmen“, so Krämer.

Fünf Abfahrtstrecken hat der Verein Geländefahrrad Aachen dort auf abgestecktem Terrain für seine Mitglieder geschaffen. Geboten werden seit sechs Jahren neben dem Spaß am Sport auch Fahrtechnikkurse oder Rennwettbewerbe. Vor allem aber will man anderen Erholungssuchenden nicht in die Quere kommen und Rücksicht auf die Natur nehmen, lautet das erklärte Ziel. So hat man sich im vergangenen Jahr auch der Initiative „Respektvoll Miteinander im Öcher Bösch“ angeschlossen.

Doch einigen Bikern ist das offenbar zu langweilig: Es drängt sie in die freie Wildbahn. Die Folgen sind schwerwiegend und nicht mehr zu übersehen. Überall im Bösch gibt es inzwischen ausgefahrene Spuren abseits der befestigten Wege. Es sind diese illegal geschaffenen Trails, an denen sich die Geister scheiden. Denn was die Biker begeistert, erzürnt Förster und Naturschützer.

So lässt das Forstamt immer wieder Bäume fällen, um die illegalen Wege „zuzulegen“, wie Krämer sagt. Praktiziert werde das schon seit Jahren. „Wir wollen die Situation beruhigen und signalisieren, dass wir mit den Fahrten abseits der Wege nicht einverstanden sind.“ Gerade in der jetzigen Brut- und Setzzeit müssten sensible Bereiche geschützt werden, sagt Krämer. Auch Verwarnungsgelder würden daher schon mal verhängt.

Viele Mountainbiker seien auch einsichtig, sagt Krämer, andere aber zeigten sich extrem rücksichtslos und ignorant. So seien gerade auch in den letzten anderthalb Jahren viele neue Trails geschaffen worden, die man nicht länger dulden wolle. Er betont ausdrücklich, dass das Radfahren im Wald ausschließlich auf befestigten Wegen erlaubt ist. Wer das Abenteuer und die sportliche Herausforderung sucht, muss sich mit dem Bikepark begnügen.

Der Wunsch vieler Biker, im Aachener Wald ein zusätzliches Trail-Netz zu schaffen und auszuschildern, ist allerdings auch Krämer nicht verborgen geblieben. Theoretisch sei das möglich, sagt er, darüber müsse jedoch die Politik entscheiden. Er kennt den Verweis auf das Reitwegenetz, das man in den 1970er Jahren angelegt habe, um Konflikte zwischen Pferden und Fußgängern zu vermeiden. Fraglich sei jedoch, ob man das heute genauso nochmals anlegen würde.

Und ob der Aachener Wald nun noch ein weiteres Wegenetz verträgt, ist für Krämer mehr als zweifelhaft. „Immer mehr Menschen und Trendsportler drücken in den Wald“, warnt er. Umso wichtiger sei es, das Allgemeinwohl, den Naturschutz und auch die Einhaltung der Gesetze im Auge zu behalten. Er erinnert daran, dass der Öcher Bösch FSC-zertifiziert ist und nach den Prinzipien einer verantwortungsvollen Forstwirtschaft bearbeitet wird. Beim letzten Audit sei man bereits aufgefordert werden, strenger gegen Mountainbiker abseits der offiziellen Wege vorzugehen.

So weist Krämer die aktuelle Kritik der Biker wegen der „großflächig gefällten, gesunden Bäume und Wegsperrungen“, die auch Ralf Stowasser vorbringt, strikt zurück. Die Bäume hätte man „im Zuge einer Durchforstung ohnehin entnommen“. Und das „Zulegen“ einzelner Trails, das viele Biker offenbar überrascht hat und von ihnen auch als gefährlich empfunden wird, hätte man sich ersparen können, wenn sich alle an die Spielregeln halten würden.

Aus der touristischen Vermarktung des „traumhaften Trail-Netzes“ im Öcher Bösch, das Stowasser sich erhofft, dürfte einstweilen jedenfalls nichts werden. Mit Blick auf die riesige Bike-Arena im Sauerland sagt Krämer: „Es wird kein zweites Winterberg in Aachen geben.“ Da sind ihm Wildtiere und Pflanzen doch wichtiger. Und das Fahren quer durch den Bösch bleibt vorerst was es ist: ein Gesetzesverstoß.

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