Aachen: Steinschlagzeiten am Turm von St. Foillan sind „Gott sei dank“ vorbei

Aachen : Steinschlagzeiten am Turm von St. Foillan sind „Gott sei dank“ vorbei

Dass ein Pfarrer dem Herrgott dankt, liegt in der Natur seiner Berufung. Als Franz Josef Radler, Domkapitular und Pfarrer von Franziska von Aachen, dies vor rund drei Jahren tat, hatte dies noch eine besondere Bewandtnis. Denn an einem Wochenende fanden er und seine Mitstreiter im Sandkasten des zur Pfarre gehörigen Kindergartens einen gewaltigen Steinbrocken.

Und ein Blick nach oben offenbarte, dass sich dieses Kalksteinstück aus der Ummauerung des Turmes gelöst hatte. Da hätte während der Woche eine Katastrophe passieren können. Statt der Kirchen- läuteten die Alarmglocken. Die Verantwortlichen von Franziska von Aachen reagierten mit einem kurzfristigen Notfallplan und einer langfristigen Sanierung, deren größte Herausforderungen jetzt gemeistert sind.

Teamwork zählt: (v.l.) Ralf Krings, Peter Kalenborn, Franz-Josef Steffens, Hubert Wallrafen (vorne), Katy Mika, Ines Finkeldei, Hans-Jürgen Röls, Franz Josef Radler und Norbert Finkeldei sehen die Zukunft des Turms gesichert. Foto: Andreas Steindl

Die Erleichterung ist unübersehbar, jetzt, wo die Arbeiten der Steinmetze, Dachdecker und Zimmerleute die größten Hürden genommen haben. Zeit, die Hände in den Schoß zu legen, ist aber noch lange nicht.

Zurück zum Wasserspeier: Architekt Hans-Jürgen Röls (Generalvikariat) zeigt, wie mit alter Technik das Wasser aus dem Turm gehalten werden kann. Foto: Andreas Steindl

Nach dem bedeutsamen, elf Kilogramm schweren Steinschlag wurde zunächst Ursachenforschung betrieben. „Wir haben eine fotografische Untersuchung mit einer Drohne machen lassen“, beschreibt Hans-Jürgen Röls, als Diplom-Architekt beim Generalvikariat für Kirchbau und Denkmalpflege zuständig, die erste Maßnahme. Die Erkenntnisse hielten sich sehr in Grenzen, so dass Röls schnell klar wurde: „Wir müssen einrüsten.“

Verhüllt: Der Turm von St. Foillan musste ganz eingerüstet werden. Foto: Andreas Steindl

Und das bei einem Kirchturm in voller Höhe. Röls ahnte, dass das nicht nur mit extrem viel Arbeit, sondern auch mit enormen Kosten verbunden sein würde. Und jetzt, wo das Meiste geschafft ist, sagt der Mann, der auch in den Finanzabteilungen des Generalvikariates zu Hause ist: „Die Gerüstkosten haben den Gegenwert mehrerer Einfamilienhäuser.“

Dass diese Kosten unumgänglich waren, belegte die Schadensanalyse. Eine Inspektion zeigte zehn weitere lose Stücke auf. Der ganze Innenbereich zwischen rückwärtigem Ausgang des Pfarrbüros und Kindergarten musste gesperrt und überbaut werden. Die Arbeiten wurden immer umfassender. Blutdrucksenkend war immerhin die Tatsache, dass man im Architekturbüro Finkeldei schnell einen erfahrenen und vertrauten Sanierungspartner an seiner Seite wusste. Heute — in der Rückschau — sagt Norbert Finkeldei: „Wir haben hier unsere 50. Turmsanierung — und zugleich die schwierigste.“

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Turm nicht einfach „geliftet“ werden sollte. Im permanenten Balanceakt zwischen architektonischen Ansprüchen und wirtschaftlichen Zwängen entwickelte das Architekturbüro mit Projektleiterin Katy Mika das Sanierungskonzept für die Natursteinfassade, die Dachverkleidung und nicht zuletzt das Gebälk des Turmes. Denn auch das hielt eine unliebsame Überraschung bereit.

Tragwerksplaner Hubert Wallrafen wurde mit ins Boot genommen, denn das gesamte Turmkranzgesims, also der hölzerne Unterbau der Helmkonstruktion, war faul. Hier musste über Jahrzehnte Wasser eingedrungen sein. Stück für Stück wurde der Turmhelm angehoben, um das Gesims komplett zu erneuern. Was im übrigen nur bei Holzkonstruktionen wegen der Flexibilität des Materials möglich ist. Jetzt ist alles zukunftstauglich.

Besonders sichere Lösung

Um nicht in einigen Jahren erneut hohe Gerüstkosten zahlen zu müssen, wurde der Plan gefasst, auch die Dacheindeckung zu erneuern. Dachdecker Ralf Krings und seine Mitarbeiter entschieden sich für eine Rechteckdoppeldeckung, bei der die Schieferstücke nicht nur genagelt, sondern auch noch geklammert werden. Dass ich Teile lösen, ist so fast unmöglich. Auch die Grate wurden in Schiefer gestaltet, Gauben und Übergänge aus drei Millimeter dickem Blei gefertigt.

Die dicksten Brocken bei der Sanierung waren und sind im wahren Wortsinn die Steinarbeiten. Die Farben Rot, Gelb und Grün wurden für Steinmetz- und Steinbildhauermeister sowie Restaurator Peter Kalenborn von der Firma ReBau zum Maß der Dinge. Rot bedeutete Stein erneuern, Gelb sanieren und Grün belassen. Rund 70 Prozent der Arbeitsgrafik zeigten leuchtendes Rot auf. „Wir haben vom Turmdach wirklich jeden Stein in die Hand genommen. Jeder Stein ist anders, musste vermessen und individuell behauen werden.“

Zur Auswahl des passenden Materials reisten Restaurator und Architekt nach Irland, wo sie den passenden Blaustein fanden. Die Steine sind mit Spezialmörtel und Edelstahlverschraubungen verbunden. Auch die Entwässerungsrinnen, die bislang aus mit Blei verkleideten Holzrinnen bestanden, werden aus Blaustein gefertigt.

Sie führen das Wasser über die ursprünglichen Speier vom Turm weg und nicht, wie in der Vergangenheit, mittels PVC-Rohren durchs Turminnere. Damit sind alle Schwachstellen, die zu Nässe im Turm führten, beseitigt. Norbert Finkeldei bezeichnet diesen Weg als richtig verstandenen Denkmalschutz, der grundsätzlich stets involviert war.

Die Kosten belaufen sich bisher ohne Gerüst auf rund zwei Millionen Euro, deren Finanzierung über mehrere Jahre kalkuliert werden muss. Immerhin: 2020 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Dann wird das Gerüst abgebaut sein, und die Kinder von St. Foillan können wieder im Sandkasten spielen. Die Angst vor Steinschlag ist wieder unbegründet.