Stefan Graaf begrüßt neues Bundesprogramm

Teilhabechancengesetz: „Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren“

Stefan Graaf ist nicht gerade bekannt dafür, dass er diejenigen mit Lob überschüttet, die auf Bundesebene für die Arbeitsmarktpolitik verantwortlich sind. Seit Jahren legt er immer wieder die Finger in die Wunden und mahnt tiefgreifende Veränderungen an. Doch das vor wenigen Tagen verabschiedete „Teilhabechancengesetz“ begeistert auch den Geschäftsführer des Jobcenters der Städteregion.

Es biete „die historische Chance“, Menschen in Arbeit zu bringen, die schon sehr lange auf Hartz IV-Leistungen angewiesen sind, sagt er. Als „kleine Revolution“ bezeichnet Graaf gar die Finanzierung dieser neuen Fördermöglichkeiten. Denn erstmals werde „Arbeit statt Arbeitslosigkeit“ finanziert, indem – vereinfacht gesagt – Gelder statt in den Unterhalt der Leistungsbezieher in die Lohnförderung gesteckt werden. Passiv-Aktiv-Transfer nennen Fachleute das.

Mehrere tausend Menschen zwischen Baesweiler, Aachen und Monschau kommen für die neue Förderung, die ab Januar gilt, theoretisch in Frage. Sie haben in den vergangenen sieben Jahren mindestens sechs Jahre Hartz IV-Leistungen erhalten oder sind schwerbehindert beziehungsweise leben mit einem Kind zusammen und haben fünf Jahre lang Leistungen bezogen.

400 bis 500 von ihnen hoffen Stefan Graaf und Ulrich Käser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Aachen-Düren, schon bald in Lohn und Brot bringen zu können. Wie viele es tatsächlich werden, hängt entscheidend davon ab, ob es genügend Arbeitgeber vor allem aus der Privatwirtschaft gibt, die mitziehen.

Gesucht werden Arbeitgeber wie Uwe Delzepich, Inhaber des Familienbetriebes Köppen Tortechnik in Würselen, die soziale Verantwortung übernehmen. Als er den Metallbaubetrieb zusammen mit seiner Frau Ilona übernahm, stand für beide fest, dass sie auch Menschen mit „sehr besonderen Lebensläufen“, wie Uwe Delzepich es nennt, in ihrem Betrieb eine Chance geben wollen. „Wir sind überzeugt davon, dass jeder Mensch Potenzial hat“, sagt Uwe Delzepich. Auf formale Qualifikationen und gerade Lebenswege geben er und seine Frau nicht viel. „Solche Scores gehen komplett am Menschen vorbei.“

Die Delzepichs achten mehr darauf, ob jemand ins Team passt und ob er oder sie soziale Kompetenzen mitbringt. Manchmal passe ein Bewerber zwar nicht auf die Stelle, die sie ausgeschrieben hätten, sagt Uwe Delzepich, aber als Mensch passe er ins Team. „Dann setzen wir uns zusammen und überlegen, wie wir den Arbeitsplatz oder die Aufgaben so umgestalten können, dass es passt.“

Natürlich bräuchten Menschen, die lange nicht erwerbstätig waren, manchmal „unendlich lange“, bis es klappt. Aber die Zeit sollte man ihnen geben und sie unterstützen. „Mit Druck erreicht man gar nichts, mit Motivation alles“, sagt Uwe Delzepich.

Coaching ist etabliert

Dass mit dem neuen Gesetz ein Coaching der ehedem Arbeitslosen bei privaten Problemen fest etabliert ist, begeistert Uwe und Ilona Delzepich. Denn das könnten sie nun wirklich nicht leisten. „Unsere Aufgabe endet in unserem Betrieb. Aber wir haben das Glück, dass unser ganzes Team mit 20 Leuten bereit ist, Menschen zu integrieren.“ Für Uwe Delzepich und seine Frau ist es der schönste Lohn zu sehen, „wie Menschen, die mit wenig Selbstvertrauen kommen, bei uns aufblühen. Das macht einfach Spaß“.

Arbeitgeber wie die Delzepichs, die Menschen eine Chance geben, hoffen Stefan Graaf und Ulrich Käser noch viele zu finden. „Dann werden wir einen guten Pakt für die Menschen hinbekommen“, sagt Graaf. Die Kommunen in der Städteregion sind auch dabei, sie werden laut Edeltraud Vomberg, Sozialdezernentin der Städteregion, insgesamt etwa 100 Stellen schaffen. Auch die Sozialverbände und gemeinnützigen Vereine und Beschäftigungsträger sehen das neue Gesetz positiv und werden versuchen, möglichst viele Stellen einzurichten, wie Alois Poquett von „Pro Arbeit“ erklärt.

Zwei kleine Wermutstropfen gibt es bei aller Freude über das Teilhabechancengesetz allerdings: Das Programm ist erst einmal auf fünf Jahre befristet. Und die Menschen, die gefördert werden, sind nicht arbeitslosenversichert. Das bedeutet: Sollten sie nach Beendigung der Förderung ihren Job verlieren, landen sie sofort wieder in Hartz IV.

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