Städteregionales Pilotprojekt "Eskape" zur Klimaanpassung

Städteregionales Pilotprojekt „Eskape“ : Dem Klimawandel soll der Sinneswandel folgen

Der Klimawandel ist in vollem Gange, der Sinneswandel aber lässt weiter auf sich warten. Zugegeben: Diese Aussage ist etwas überspitzt. Und deshalb würde sie Dr. Andreas Witte so auch nicht unterschreiben. Die Kernbotschaft aber kann der stellvertretende Leiter des RWTH-Instituts für Stadtbauwesen und Stadtverkehr (ISB) durchaus bestätigen: Es ist allerhöchste Zeit, auf die Veränderung des Klimas zu reagieren.

Zum Beispiel bei der Stadtentwicklung und Bauleitplanung. Diese haben Witte und seine Mitstreiter in den vergangenen drei Jahren in den Fokus gerückt und eine Geodatenbank erstellt, auf die Stadtplaner in Zukunft zurückgreifen können. Den Rahmen bot das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt „Eskape – Entwicklung städteregionaler Klimaanpassungsprozesse“. Projektpartner waren das Geografische Institut der RWTH Aachen, der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) und die Städteregion Aachen.

„Eine Auflage für die Förderung war, dass wir alle zehn Städte und Gemeinden der Städteregion mit ins Boot holen“, blickt Witte im Gespräch mit unserer Zeitung zurück. Das aber gestaltete sich in einigen Fällen schwierig. „Der Bezug zu diesem Thema war nicht vorhanden“, erinnert sich der Wissenschaftler. „Klimaschutz war durchaus ein Thema, Klimaanpassung aber nicht.“

Heute hätte es Andreas Witte vermutlich leichter mit seinem Anliegen. Die lange Hitzeperiode im vergangenen Jahr und die zunehmende Zahl und Intensität von Unwettern haben nicht nur in der Umwelt Spuren hinterlassen. „Die Aufmerksamkeit für den Klimawandel ist größer geworden, und damit ändert sich allmählich auch die Einstellung“, hat der Projektleiter festgestellt. Die Chancen steigen also, dass der Klimaaspekt zukünftig mehr Berücksichtigung bei der städtebaulichen Planung finden wird. Und damit auch die „Eskape“-Datenbank

Dr. Andreas Witte vom RWTH-Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr hat das Projekt „Eskape“ geleitet. Foto: ZVA/Michael Grobusch

„Die Daten sind eine wahre Goldgrube für Stadtplaner und helfen mit, sich möglichst gut auf den Klimawandel einzustellen“, ist Peter Quadflieg vom Kataster- und Vermessungsamt der Städteregion überzeugt. Er hofft, dass sich diese Erkenntnis durchsetzen wird. „Denn der Klimawandel ist in vollem Gange.“ Und er sorgt für veränderte Grundlagen bei der Bauleitplanung. Beispielsweise hinsichtlich der steigenden Niederschlagsmengen vor allem in den Wintermonaten. „Die Kanalisation ist darauf nicht ausgelegt. Aber es ist weder möglich noch finanzierbar, größere Systeme zu bauen“, betont Andreas Witte. Stattdessen müsse überlegt werden, wie und wo Flächen entsiegelt werden können, wie der Abfluss von Regenwasser gesteuert und wo dieses zwischenzeitlich gesammelt und mit Verzögerung der Kanalisation zugeführt werden kann. Die neue Datenbank biete hierzu wichtige Informationen – neben sehr detaillierten und lokalisierten Geodaten beispielsweise auch die Ergebnisse einer Prognose zur Entwicklung der Niederschlagmengen in den kommenden 20 Jahren.

Temperaturentwicklung

Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes war die Temperaturentwicklung. Auch diese und ihre Folgen gelte es bei der Planung von Bauprojekten in den Fokus zu rücken, fordert Witte. „An einer Stelle, wo tagsüber aufgrund der Sonneneinstrahlung und der Luftströmungen besondere Wärmebelastungen herrschten, sollte man tunlichst kein Seniorenheim planen“, nennt er einen exemplarischen Fall. Allgemein komme dem Kaltluftstrom, also der Zufuhr von frischer Luft in städtischen Gebieten, unter den veränderten Bedingungen eine immer größere Bedeutung zu. „Und die Kommunen müssen überlegen, wie sie den Anteil der Grünflächen erhöhen können“, stellt der Raumplaner und Oberingenieur fest.

Relativ dünn ist die Datenlage bis dato noch in Sachen Sturm. „Hier ist die Vorhersage noch schwieriger als bei Starkregenereignissen“, berichtet Andreas Witte. Zudem sei der Handlungsbedarf lange Zeit unterschätzt worden. Angesichts der immer häufiger und heftiger auftretenden Stürme – den letzten krassen Fall gab es in der vergangenen Woche mit einem Minitornado in Roetgen – liege hier eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre.

An denen dürfte es auch sonst nicht mangeln. „Wir müssen schauen, dass der Aspekt der Klimaanpassung in den Verwaltungen etabliert wird“, findet Witte. Dafür sei es erforderlich, die zuständigen Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, mit der Vielzahl der Daten, die im „Eskape“-Projekt zusammengetragen worden sind, richtig umzugehen. Ein Leitfaden, der beschreibt, wie man die Klimaanpassung in die Bauleitplanung integriert, soll in diesem Sinne einen Beitrag leisten. Und auch der Kontakt zwischen den beteiligten Instituten der RWTH und den zehn Kommunen der Städteregion soll weiter gepflegt werden.

Konkretere Maßnahmen

Ginge es nach Andreas Witte, würden aber weitaus konkretere Maßnahmen ergriffen. Wie etwa in Solingen. „Dort ist die Klimaanpassung mittlerweile ein fester Bestandteil der Bauleitplanung.“ Noch konsequenter werde mit dem Thema in den Niederlanden umgegangen. „In unserem Nachbarland müssen jetzt alle Kommunen einen sogenannten Stresstest Klimawandel machen“, berichtet der Wissenschaftler. „Und dann erfassen sie, welche Konsequenzen daraus für die Bauleitplanung zu ziehen sind.“

In der Städteregion ist man davon noch ein ganzes Stück entfernt. Auch, weil es sich um eine sehr heterogene Region handelt. „Die Interessen und Bedürfnisse eines Oberzentrums wie Aachen sind natürlich ganz andere als die einer Eifelkommune“, gibt Witte zu bedenken. Gerade deshalb aber sei das „Eskape“-Projekt ein erster wichtiger Schritt gewesen. Dass weitere folgen werden, steht für den Wissenschaftler außer Frage: „Der Klimawandel wird uns gar keine andere Wahl lassen.“

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