Städteregion rückt Rassismus in den Fokus

Handlungskonzept der Städteregion : „Der alltägliche Rassismus hat deutlich zugenommen“

Es war ein Ritual, das Stolberg regelmäßig in den Ausnahmezustand versetzte: Jahrelang reisten Rechtsextreme aus dem gesamten Bundesgebiet an und marschierten durch die von Polizisten abgeriegelte Stadt.

Am 7. April 2012 war dies das letzte Mal der Fall. Seitdem herrscht Ruhe – zumindest an der Oberfläche. Denn Rechtsextremismus und Rassismus haben in der Zwischenzeit andere Plattformen und Foren gefunden.

Andreas Goffin kann ein Lied davon singen. Oder ein Buch darüber schreiben. Letzteres hat er tatsächlich getan. Kein Buch im klassischen Sinne, sondern ein großformatig gedrucktes, 63 Seiten starkes „Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus“, das vom Kommunalen Integrationszentrum der Städteregion in Auftrag gegeben und mit Geldern aus dem Landesprogramm „NRWeltoffen“ unterstützt wurde. „Vor gut zehn Jahren hat es eine Studie zu Rechtsextremismus bei Jugendlichen gegeben. Diesmal ist der Ansatz globaler gewesen, es geht generell um dieses Phänomen in der Städteregion“, erklärt der Politikwissenschaftler.

Ein Schwerpunkt seiner Betrachtung war die Entwicklung des organisierten Rechtsextremismus. „Seit dem Verbot der Kameradschaft Aachener Land im Jahr 2012 wird er nicht mehr so stark in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Aber er ist noch da“, weiß Goffin. Die Szene sei stetig in Bewegung, ein längerfristiger Trend habe sich aber etabliert: „Weg von Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel, hin zu aktuellen Trends und bestimmten Kleidungsmarken, die aber nur Insider zuordnen können.“ An seinem Äußeren sei ein Neonazi deshalb nur noch selten zu erkennen. Aber weiterhin an seinem Verhalten und seinen Ansichten.

Diese verbreiten Rechtsextremisten heute vornehmlich im Internet und in den sozialen Medien. „Nahezu jede rechte Bewegung ist online und in Facebook-Gruppen aktiv“, berichtet Andreas Goffin. „Diese Kanäle bieten eine gewisse Anonymität und sorgen damit dafür, dass die Hemmschwelle sinkt.“ Mit weitreichenden Folgen: „Es gibt regionale Facebook-Gruppen, die zunehmend rechtsradikal und rechtsextrem sind und in denen ausländerfeindliche und rassistische Äußerungen an der Tagesordnung sind.“

„Syndikat52“ und „Identitären“

Auch sonst seien Rechtsextreme weiterhin sehr aktiv. Zum Beispiel in Organisationen wie dem „Syndikat52“ und den „Identitären“ oder der Partei „Die Rechte“. Goffin verweist in diesem Zusammenhang auf Recherchen des Aachener Journalisten und Szene-Kenners Michael Klarmann, die in das Handlungskonzept eingeflossen sind.

Dessen zweiter inhaltlicher Schwerpunkt ist das Thema Rassismus im Alltag. Gestützt auf die Befragung von mehr als 100 Personen aus allen Kommunen der Städteregion und unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen hat sich Andreas Goffin ein Bild gemacht. Und das fällt eindeutig aus: „Der alltägliche Rassismus hat deutlich zugenommen.“ Vor allem Frauen mit Kopftuch sowie Menschen mit dunkler Hautfarbe oder „arabischem“ Aussehen hätten davon berichtet, dass sie sich vermehrt abfälligen Bemerkungen, rassistischen Äußerungen und mitunter sogar Beschimpfungen ausgesetzt sehen.

Ein deutlich positiveres Echo hat es laut Goffin aus dem Kreis geflüchteter Menschen gegeben. „Fast alle haben berichtet, dass sie sich gut aufgenommen, wohl und sicher fühlen.“ Aber: „Man muss dabei berücksichtigen, dass Flüchtlinge oft zusammen mit anderen Flüchtlingen in Unterkünften wohnen, die nicht zentral gelegen sind und kaum Möglichkeiten zur sozialen Interaktion mit der einheimischen Bevölkerung bieten.“ Der externe Kontakt beschränke sich oft auf diejenigen, die professionell oder ehrenamtlich in den Einrichtungen tätig sind.

Die Ergebnisse und Erkenntnisse der beiden Schwerpunkte münden in Handlungsziele und Handlungsempfehlungen für sechs Themenfeldern: „Kinder und Jugend“ beispielsweise oder „Öffentlichkeitsarbeit, Medien und soziale Medien“. Dabei wird in jedem der sechs Felder unterschieden zwischen Empfehlungen, die bereits umgesetzt werden, und solchen, die in Zukunft umgesetzt werden sollten.

„Allgemein sehen wir, dass die Städteregion weltoffen ist“, betont Edeltraud Vomberg. „Aber es gibt auch Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Dagegen stellen wir uns ausdrücklich und unmissverständlich“, unterstreicht die städteregionale Sozialdezernentin. Das Handlungskonzept soll in diesem Sinne einen Beitrag leisten.