Städteregion: Bildungstag mit Zukunftsforscher

Bildung der Zukunft : Schule heute wird Kindern nicht gerecht

Finden Kinder und Jugendliche heute in der Schule die Angebote, die sie zu kreativen Köpfen machen? Wie muss Schule heute sich auf die Herausforderungen der Zukunft einstellen? Beim Bildungstag der Städteregion standen diese Fragen im Mittelpunkt. Bildungsforscher zeichnen ein kritisches Bild.

„Ich bin mit dem Bus gekommen und fühle mich gut“, sagte Markus Terodde, Dezernent für Bildung, Jugend und Strukturentwicklung der Städteregion Aachen, zu Beginn der Abendveranstaltung im Rahmen des diesjährigen Bildungstages. Nachhaltigkeit war dabei in diesem Jahr das große Thema, unter dem das Bildungsbüro der Städteregion Aachen eingeladen hatte, um über die Zukunft der Bildung nachzudenken. Und Verantwortungsbewusstsein, Kreativität, Wissen und Mut zum Handeln können bereits bei Jugendlichen und Kindern gesät werden, meinen die Verantwortlichen. Die beiden jungen Moderatoren Conny Schmetz und Tobias Leng gaben bei der Abendveranstaltung im Krönungssaal ein überzeugendes Beispiel dafür, dass das, was Schüler während ihrer Schulzeit an nachhaltigen Ansätzen gelernt haben, auch später noch in ihnen weiter wirkt.

Und laut Heinrich Brötz, Fachbereichsleiter Kinder, Jugend und Schule, kann Aachen stolz auf das Erreichte sein: Demnach gehören in vielen Kitas, Grundschulen und weiterführenden Schulen Projekte des nachhaltigen Handels zum Programm. Autos, die kein CO2 ausstoßen, Kunststoff, der restlos abbaubar ist, menschenwürdige Arbeitsbedingungen für alle und Wirtschaftswachstum ohne Raubbau an der Natur: All das sind laut Bildungsbüro der Städteregion Punkte, deren Verwirklichung zwar wünschenswert, aber noch lange nicht erreicht ist. Gefragt seien also kreative Köpfe, die die großen Zukunftsthemen angehen: Doch finden Kinder und Jugendliche heute in der Schule die Angebote, die sie dann auch zu kreativen Köpfen machen?

Darauf versuchte Prof. Gerhard de Haan im Krönungssaal eine Antwort zu geben. De Haan ist Professor an der Freien Universität Berlin und international bekannter Experte in Sachen „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Gekommen waren neben pädagogischen Fachkräften und Lehrern all jene, die in Kitas, Schulen und an sonstigen Lernorten aktiv sind. Eines wurde schnell klar bei den Ausführungen des Experten: Schnelle Lösungen gibt es nicht, denn die Bildungslandschaft tut sich schwer mit Veränderungen. Dennoch sieht Schule in Zukunft möglicherweise ganz anders aus, zeigte sich de Haan überzeugt. Auf Nachfrage aus dem Publikum skizzierte er einen Schultag im Jahre 2050, der mit heutigen Standards nicht mehr viel gemein hat. Eine zwölfjährige Schülerin in Berlin setzt sich demnach in erster Linie mit Projekten auseinander: Am Montag beispielsweise besucht sie die Feuerwehr, um alles über Brandursachen und deren Bekämpfung zu erfahren, am nächsten Tag ist sie im Theater und dann wieder setzt sie sich im virtuellen Raum mit Schülern aus der ganzen Welt mit Problemstellungen auseinander.

Eines wurde durch den Experten-Vortrag ganz sicher deutlich. Schule wird – so wie sie heute ist – Kindern und Jugendlichen nicht gerecht. Laut de Haan verlieren die im Laufe ihres Schülerdaseins zunehmend an Motivation und Lust, zu lernen. Und mit Themen wie Chancengleichheit, Inklusion oder gesellschaftliche Zusammengehörigkeit seien Schulen und Kitas heute gleichermaßen überfordert. Wie nun aber kann Bewegung in die Bildungslandschaft kommen? Laut de Haan braucht es eine komplett neu strukturierte Finanzierung der Schulen und Bildungssysteme sowie letztlich auch eine Festlegung von Minimalstandards, die Bildung erfüllen soll: Das Recht auf Erhalt und Ausbau der Lernmotivation beispielsweise, oder das Recht, selbst organisiert lernen zu können. Und an einem Fakt hatte er schon eingangs keinen Zweifel gelassen: „Höhere Bildungsabschlüsse führen nicht per se zu einer nachhaltigen Entwicklung, eher im Gegenteil.“ Denn gerade Menschen mit einem Universitätsabschluss und anschließendem Beruf mit guter Bezahlung würden durch Autokauf, Urlaubsreisen und ähnliches gerade nicht nachhaltig agieren.

Den zahlreichen Zuhörern im Krönungssaal hat de Haan mit seinem komplexen Vortrag ganz sicher jede Menge Ansätze zur Reflexion geliefert. Das städteregionale Bildungsbüro richtet den Bildungstag seit 2009 jeweils mit einer Reihe von Kooperationspartnern aus. Allein zur Abendveranstaltung im Krönungssaal waren 350 Zuhörer gekommen. Außerdem hatten sich nachmittags 250 Interessenten in Workshops mit verschiedenen Themen befasst.

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