Aachen: Städteregion Aachen soll zur „Sim-City” werden

Aachen: Städteregion Aachen soll zur „Sim-City” werden

Der geplante RWTH-Campus ist für Professor Dirk Vallée ein gutes Beispiel. Denn mit diesem Großprojekt verknüpfen sich viele Fragen, die er und seine Mitarbeiter bald beantworten könnten:

Welche neuen Verkehrsbelastungen entstehen für die Anwohner? Wie könnten diese neuen Ströme am besten kanalisiert werden? Wo könnten die Beschäftigten samt ihren Familien leben? Wo sollten neue Baugebiete entstehen? Was bedeutet dies für das Umland? All diese und viele weitere Fragen, sagt Vallée, könnten durchgespielt und beantwortet werden, wenn die nötige Datenbasis zur Verfügung stünde. Und daran arbeitet er zurzeit.

Was sich mit „Chancen und Nutzen einer georeferenzierten Struktur- und Verkehrsdatenbasis” recht nüchtern anhört, könnte für die Städteregion zu einem großen Wurf werden. Als „Sim-City für die Städteregion” fasst Vallée zusammen, was sich dahinter verbirgt.

Zwar hinkt der Vergleich zum Computerspiel ein wenig, bei dem der Spieler auf seinem Rechner virtuell eine ganze Stadt unter Einbeziehung verschiedener Faktoren bauen und entwickeln kann. Doch als Ziel formuliert der Leiter des RWTH-Instituts für Stadtbauwesen und Stadtverkehr, dass schon in naher Zukunft für die zehn städteregionalen Kommunen im Vorfeld simuliert werden könnte, wie sich ein Großprojekt auf die Umgebung auswirken könnte.

Dass dies wichtig ist, zeigte vor einigen Jahren das Beispiel Gewerbegebiet Aachener Kreuz. Denn in Würselen hatten die Planer die Verkehrsentwicklung anfänglich offenbar unterschätzt. Erst im Nachklang wurde das Straßennetz so dimensioniert, dass der Verkehr auch in Spitzenzeiten einigermaßen flüssig aus dem Gewerbegebiet rauskommt.

Künftig sollen die Planer im Voraus berechnen können, ob etwa eine neue Straße, eine bessere Bus-Taktung oder eine weitere Euregiobahn-Haltestelle ein probates Mittel ist, um den Verkehrsfluss zu verbessern.

Doch bevor so etwas möglich ist, müssen erst einmal Daten gesammelt und vorhandene Informationen kompatibel gemacht werden, sagt der Wissenschaftler. So existieren derzeit allein sechs verschiedene Verkehrsentwicklungspläne, die sich jeweils auf Teilräume der Städteregion und der Euregio beziehen.

Überdies sollen einschlägige Strukturdaten wie Zahl der Beschäftigten, Größe der Einkaufsflächen im Einzelhandel oder die Zahlen der Berufspendler aufgearbeitet sowie eine Einwohnerprognose für die Städteregion erstellt werden. „In einem ersten Schritt wollen wir einfach eine Informationsgleichheit unter den Beteiligten schaffen”, sagt Vallée, der in den 80er Jahren an der RWTH studiert hatte und die Region bestens kennt.

In einem weiteren Schritt könnten diese Daten, die kontinuierlich fortgeschrieben werden sollten, als Grundlage beispielsweise für eine abgestimmte Verkehrsplanung genutzt werden. Ob die Entwicklung eines solchen städteregionalen Verkehrsmodells politisch auch gewollt ist, muss der Städteregionstag letztlich entscheiden, der am 30. August erstmals von den Bürgern in Stadt und Kreis Aachen gewählt wird.

Dass eine städteregionale Planung Sinn macht, liegt für Vallée, der bis zum Frühjahr 2008 Chefplaner der Region Stuttgart war, auf der Hand. „Aachen und das Umland sind eng zusammengewachsen.” Was alleine schon an den Verkehrsströmen ablesbar sei: „Die Menschen pendeln vielfach zum Job, zum Einkaufen oder in ihrer Freizeit von einer Stadt zur anderen. Sie nehmen die Region als Einheit wahr”, sagt der Wissenschaftler. Analog zur Globalisierung im Großen habe in den vergangenen 15 bis 20 Jahren im Kleinen eine Regionalisierung stattgefunden.

Dass sich Stadt und Kreis Aachen zur Städteregion zusammenschließen, befürwortet der 43-Jährige. Dass die Regionalplanung als wichtiges Steuerungsinstrument indes bei der Kölner Bezirksregierung bleibt, bedauert er. Doch Vallée ist sich sicher: „Wenn die Städteregion etwa bei der Verkehrsplanung eine gemeinsame Position vertritt, kommt die Bezirksregierung nicht daran vorbei.”

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