Aachen: Stadtbetrieb schlägt Alarm: Die Miniermotte kennt einfach kein Erbarmen

Aachen : Stadtbetrieb schlägt Alarm: Die Miniermotte kennt einfach kein Erbarmen

Niederschmetternd waren die Zahlen, die sich die Bezirksvertreter von Aachen-Mitte anhören mussten: Von den rund 2000 Rosskastanien im öffentlichen Raum des Aachener Stadtgebiets sind sage und schreibe 99,9 Prozent von der Miniermotte befallen.

Das bedeutet nicht morgen und übermorgen, aber langfristig den Tod der beliebten Baumriesen. Die gefräßigen Larven der Miniermot-ten schwächen die Vitalität der Bäume, wodurch sie Opfer von Pil-zen und anderen Schadenserregern werden. Fachleute sprechen von der „Rosskastanien-Komplexkrankheit“.

Auch im Aachener Stadtbild ist es bedauerlicherweise zu beobachten: Die meisten Rosskastanien bieten ein bejammernswertes Bild. Welke und braune Blätter, komplett kahle Kronen, absterbende Äste. Viel zu früh, im Sommer schon, werfen manche Exemplare ihre Blätter ab, untrügliche Zeichen, dass die Miniermotte auf dem Vormarsch ist.

Aufgeschreckt von Medienberichten, befasste sich die Bezirksvertretung zum wiederholten Mal mit dem traurigen Anblick der Aachener Kastanien. Mitarbeiter des Stadtbetriebs schilderten Rettungsmaßnahmen. Die Chancen stehen schlecht: „Wir können Fällungen aufschieben, aber nicht verhindern. Die Ross-kastanie wird leider weniger wer-den.“

Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte sich die Mi-niermotte von Mazedonien aus auf den Weg in den Westen und Norden Europas. Sie verbreitete sich schnell.

Ab Frühjahr legt das auf die Rosskastanie fixierte Motten-Weibchen zwischen 40 bis 200 Eier auf den jungen Blättern ab. Nach dem Ausschlüpfen starten die Rau-pen ihr Vernichtungswerk. Sie ma-chen ihrem Namen alle Ehre, schuften wie Minenmalocher, mi-nieren die Blätter, das heißt, sie bohren sich zwischen Ober- und Unterseite und legen einen Fressgang an, bevor sie sich später zur Puppe einspinnen und zu einer neuen Motte entwickeln. Bis zu fünf Generationen jährlich kann es kommen.

Die Minen, die Fressgänge führen zur Braunfärbung und zum Welken der Kastanienblätter schon im Sommer, der Baum kann weniger Nährstoffe aufnehmen und macht schlapp. Das wiederum ruft eine ganze Reihe fieser Schädlingspilze auf den Plan, wodurch es erst jetzt lebensbedrohlich für die Kastanie wird.

Die Fachleute des Stadtbetriebs boten einen lebhaften Biologie-Unterricht. Die Blaumeise, heiße es, sei angeblich scharf auf die Minierraupe. Also werden Nistkästen für die Meisen in die Bäume gehängt, was sich finanziell und arbeitstechnisch aber nur an stadtbildprägenden Orten wie in der Kastanienallee am Hangeweiher lohnt, sonst müssten stadtweit ja insgesamt 20.000 Nistkästen platziert werden.

Auch kümmert es andere Vögel einen gewaltigen Vogelschiss, dass die Dinger nur für Meisen reserviert sein sollen. Zudem: „Die Blaumeisen sind, was die Miniermotte betrifft, noch nicht auf den Geschmack gekommen.“

Experimentiert wird mit Hormonfallen. Das sind Trichter mit Sexuallockstoffen, in die unvor-sichtige Miniermottenmännchen liebesblind hineintorkeln sollen. Oder Bäume werden mit chemischen Präparaten geimpft, die Raupen sollen das Zeug fressen und eingehen.

Experten sind ratlos

Aber: Ist die Kastanie erst einmal von der Miniermotte befallen, helfen alle Maßnahmen kaum oder so wenig wie das regelmäßige Absammeln von Laub und dessen thermische Entsorgung. Der Eindringling vom Balkan kann selbst bei tiefem Frost mehrere Jahre im Boden ausharren. Die Vitalität einmal befallener Bäume sei nur minimal zu steigern, sind die Stadtbetriebs-Experten ratlos.

Ihre Lebenserwartung verlängere sich vielleicht um fünf Jahre. „Eine Fällung der Bäume wird nur aufgeschoben, nicht verhindert. Wir müssen aber keine Angst haben, dass es übermorgen keine Kastanien mehr gibt, es ist ein langjähriger Prozess. Eins aber ist schon heute klar: Es wird keine schönen Kastanien mehr geben. Wir kämpfen, aber es steht nicht gut, eine Lösung haben wir alle nicht“, sagen die vom Stadtbe-trieb.

„Mir wird angst und bange“, sagt Ralf Otten von der CDU.

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