Aachen: Stadt Aachen erfindet das Radfahren neu

Aachen: Stadt Aachen erfindet das Radfahren neu

Eine Stadt soll aufs Rad. Damit möglichst viele Aachener auf dieses umweltschonende Verkehrsmittel umsteigen, wird derzeit kräftig markiert und gepinselt auf Straßen und Plätzen.

Rund eine Million Euro werden in die Hand genommen, um zunächst den Grabenring, dann den Alleenring, schließlich das Ostviertel plus diverse große Ausfallstraßen für Radfahrer zu optimalen Aufenthaltsorten zu machen - sicher, komfortabel und auch noch flott soll man von der Stelle kommen.

Die vereinten Anstrengungen von Politik und Verwaltung haben schon bundesweite Aufmerksamkeit hervorgerufen, denn in Aachen wird teilweise Neuland betreten in Sachen Radverkehr.

Eine der wichtigsten Entscheidungen: Der „klassische Radweg” neben der Fahrbahn ist tot, er verläuft jetzt auf der Straße - was viel Konfliktpotenzial vermeiden helfen soll. Das Problem: „Die Öcher haben das eine oder andere noch nicht ganz verstanden”, so jedenfalls die Wahrnehmung von Ralf Kaulen vom gleichnamigen Stadt- und Verkehrsplanungsbüro.

„Ein Baustein”

Gleichwohl ist man bei der Stadt davon überzeugt, dass in puncto Radverkehr der große Wurf gelingen wird, zumal die üblichen Querschüsse diesmal nicht zu erwarten sind - die Kommunalpolitiker aller Fraktionen haben sich einstimmig für den „Maßnahmenplan Radverkehr” ausgesprochen. Das kommt bei solch vergleichsweise diffizilen Unternehmungen nicht alle Tage vor und hat in anderen Städten bereits blanken Neid hervorgerufen.

Beigeordnete Gisela Nacken begründete am Mittwoch die Kraftanstrengung in erster Linie mit der Sorge um die Umwelt, Abteilung Luftreinhaltung. Aachen mit seiner Kessellage habe da große Probleme; die Forcierung des Radverkehrs sei „ein Baustein”, um auf diesem Gebiet Fortschritte zu erzielen. Zahlreiche Aachener, insbesondere Studenten, seien jetzt schon per Rad unterwegs, viele andere Bewohner sollen folgen - auch und gerade ältere Menschen, für die es mittlerweile schönes Fahrgerät mit „Elektrounterstützung” gebe.

Voraussetzung für den großen Umstieg ist allerdings, dass das Radfahren eine möglichst freudvolle Angelegenheit wird, dass man ohne großen Stress von A nach B kommt, dass man von anderen Verkehrsteilnehmern nicht drangsaliert wird. Genau das soll laut Nacken sichergestellt werden. Inzwischen gebe es 290 Kilometer Radwege in Aachen, unter anderem seien 28 Hauptverkehrsstraßen bis dato radtauglich gemacht worden.

Voll im Trend

Aber jetzt geht es erst richtig los: Nach Grabenring und Alleenring wird das Ostviertel mit „Radfahrstreifen, Schutzstreifen, Sicherheitstrennstreifen” versehen, mit Abbiegemarkierungen und Sammelstellen an Knotenpunkten.

Uwe Müller, Abteilungsleiter Verkehrsmanagement bei der Stadtverwaltung, sieht Aachen damit voll im Trend: In Großstädten seien Fußgänger, Radfahrer, Busse im Vormarsch gegenüber dem Pkw. Nach zeitweiser Stagnation sei die Zahl der gemeldeten Automobile jetzt sogar rückläufig, Aachen weise landesweit die prozentual niedrigste Zulassungsrate auf - „gute Bedingungen für Radfahrer gelten inzwischen als Standortfaktor.”

Müller und die zuständige Fachfrau Gaby Mans konnten mitteilen, dass es nach Umbau der Trierer Straße zum erstenmal in der Geschichte Brands eine durchgängige Radverbindung in diesen Stadtteil gebe. Ermöglicht durch Kooperation der Aseag, die die Bussonderspur mitbenutzen lasse. „Ein Meilenstein”, so wurde gepriesen.

Des einen Freud´, des anderen Leid? Muss der Autofahrer zurückstecken, wenn es dem Radfahrer besser geht? Was die „Leistungsfähigkeit” angehe, so wird betont, soll es beim Autoverkehr zu keinen Einbußen kommen, doch natürlich gebe es Reduzierungen in der Fläche, etwa bei der Zahl der Fahrspuren. Das sei aber kein Problem, weil - siehe oben - weniger Auto gefahren werde als früher.

Linksabbiegen: Wer unsicher ist, sollte die „Aufstellfläche” nutzen

Versprochen wird im „Maßnahmenplan Radverkehr” nicht weniger als die komplette Abschaffung nervender Konflikte zwischen Radfahrern und anderen Nutzern des öffentlichen Raums - dadurch, dass sich die Radwege jetzt auf der Fahrbahn befinden und nicht mehr daneben.

Unter anderem soll es ein Ende haben mit folgenden Problemen: plötzliches Öffnen der Autotür, Zuparken des Radwegs, Fußgänger auf dem Radweg, Ärger mit wartenden Fahrgästen an Bushaltestellen, Karambolagen an Grundstückszufahrten. Und herausgestellte Mülleimer sollen auch nicht länger piesacken.

Lernen muss der Radfahrer unter anderem die Bedeutung der neuen Markierungen. So gibt es jetzt auf dem Grabenring (andere Straßenzüge werden folgen) an einigen Kreuzungen für Radfahrer, die sich beim Linksabbiegen unwohl fühlen, die Möglichkeit des „indirekten Linksabbiegens” - man fährt erst mal gradeaus, begibt sich in die „Aufstellfläche” und radelt erst weiter, wenn die Luft rein ist.

Verkehrsplaner Ralf Kaulen auf die Frage, was die bessere Übung sei: „Das würde ich von der jeweiligen Situation abhängig machen”, mit Kindern würde er immer die indirekte Variante wählen.

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