Sozialverband Arbeiterwohlfahrt feiert 100-jähriges Bestehen in Aachen

Neujahrsempfang in der Nadelfabrik : Arbeiterwohlfahrt: Kämpferisch seit 100 Jahren

Seit 100 Jahren kämpft die Arbeiterwohlfahrt für Frauen und gegen Armut. Dass dieser Kampf noch lange nicht vorbei ist, wurde beim Neujahrsempfang am Freitag in der Aachener Nadelfabrik deutlich.

Dass man sich als Ort für den Neujahrsempfang der Aachener Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Jubiläumsjahr – der Wohlfahrtverband wurde 1919 gegründet – ausgerechnet die Nadelfabrik in Rothe Erde ausgesucht habe, sei kein Zufall. „Die Gründerin der Awo, Marie Juchacz, hat sich nicht nur für Solidarität und Gerechtigkeit eingesetzt, sondern sich auch für das Frauenwahlrecht stark gemacht“, sagte Karl Schultheis, Kreisvorsitzender der Awo, bei seiner Begrüßung. Die Nadelfabrik sei seinerzeit ein Ort gewesen, an dem viele Frauen arbeiteten – und für die Demokratie kämpften.

Gleichberechtigung, Vielfalt, Teilhabe statt Almosen, Gerechtigkeit und Solidarität: Dass die Themen, die vor 100 Jahren Marie Juchacz umtrieben, auch heute noch zentrale Programmpunkte der Arbeiterwohlfahrt seien, betonte Beate Ruland, Vorsitzende des Präsidiums des Awo Bezirksverbands Mittelrhein.

Eindrucksvolle Lesung

Apropos Marie Juchacz: Auf eine beeindruckende Reise in die Vergangenheit entführten Paula Stöckmann und Hendrick Becker vom Theater Löwenherz die Besucher des Neujahrsemfpangs: Sie zeichneten in einer szenischen Lesung das außergewöhnliche Leben der Awo-Gründerin nach, einer Frau, die sich gegen Armut einsetzte und zu den ersten weiblichen Mitgliedern im Parlament von 1919 gehörte.

Auch nach 100 Jahren Frauenwahlrecht gebe es noch viel zu tun für die Frauenbewegung, betonte die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). „Antifeminismus ist wieder gesellschaftsfähig geworden“, warnte sie eindringlich mit Blick auf die AfD, die Partei vertrete ein Frauenbild aus dem vorletzten Jahrhundert.  Schmidt sprach sich außerdem für die verbesserte Teilhabe von Menschen aus, die unter Betreuung stehen. Es sei nicht hinnehmbar, dass man diesen Leuten vorwerfe, ihnen fehle zum Wählen die intellektuelle Reife. „Wenn ich mir die Wahlergebnisse ansehe, dann gibt es einige Leute mit Wahlrecht, deren intellektuelle Reife man durchaus anzweifeln kann“, sagte Schmidt.

Auf die politischen Ereignisse im noch jungen Jahr 2019 blickte Özgür Kalkan, Geschäftsführer der Aachener Awo. Sowohl bei der Europawahl im Mai als auch bei den diversen Landtagswahlen sei ein weiterer Rechtsruck zu befürchten. „Die etablierten Parteien müssen es schaffen, dass verlorene Vertrauen in den Rechtsstaat zurückzugewinnen“, appellierte er an die Politik.

Aktuell zählt die AWO rund 1800 Mitglieder in Aachen. Mehr als 200 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren sich für den Verband, der derzeit etwa 120 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt.

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