Aachen: So bleibt Teilhabe nicht bloß ein Wort: Die Aachener Lebenshilfe

Aachen : So bleibt Teilhabe nicht bloß ein Wort: Die Aachener Lebenshilfe

Janine Stock zieht einen Stuhl heran. Dicht setzt sie sich neben den schwerbehinderten „Matti“, wie sie Mateusz Sprengel nennt. Geduldig erklärt die junge Frau ihm, wie man kleine Zubehörteile für Heizungen zum Abpacken auf einen Holzblock stülpt. Für Matti ist es eine Übung seiner motorischen Fähigkeiten. Für Janine, die selbst auch behindert ist, gehört diese Aufgabe zu ihrem neuen Job als Alltagshelferin in den Werkstätten der Lebenshilfe Aachen.

So wie Janine wollen auch viele andere Menschen mit Behinderung einen festen Arbeitsplatz — und damit Eigenverantwortung und Unabhängigkeit. Teilhabe am Arbeitsleben bleibt ein wichtiges Thema in unserer Gesellschaft, betonen Fachleute. Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) ermöglichen dies schon seit Jahren — auf dem freien Arbeitsmarkt gibt es allerdings noch Nachholbedarf.

Elke Mingers leitet den sozialen Dienst und den Berufsbildungsbereich bei der Aachener Lebenshilfe.

Die Werkstätten der Lebenshilfe Aachen lassen schon seit 50 Jahren Menschen mit wesentlicher geistiger Behinderung, am Arbeitsleben teilhaben. Insgesamt sind 800 Menschen über die Werkstätten & Service GmbH angestellt. Das Arbeitsangebot ist vielseitig: Die Behinderten können in der Holzwerkstatt, Metallbearbeitung, Montage, im Verpackungsservice, Gartenbau, Catering und Office-Service arbeiten. Zudem werden externe Stellen angeboten. „Unser Ziel ist, dass jeder seinem Berufswunsch nachgehen kann“, erklärt Norbert Zimmermann, der Geschäftsführer der Werkstätten.

Ein gutes Beispiel dafür ist Janine. Die 18-Jährige hatte zunächst in der Küche, dann im Verpackungsbereich gearbeitet. „Es war schön, aber anstrengend“, sagt sie. „Man musste dort ganz schön auf Zack sein.“ Daher suchte sie in ihren Pausen einen Ausgleich und schaute in den Betreuungsräumen des heilpädagogischen Arbeitsbereichs vorbei. Schon bald wurde aus ihren regelmäßigen Besuchen ein Praktikum, seit Kurzem hat sie hier ihren festen Arbeitsplatz.

„Ich freue mich, Leuten helfen zu können“, sagt Janine. „Matti“ spreche zwar nur polnisch, aber irgendwie versteht sie ihn schon, sagt sie. „Ich weiß ja selbst, wie es ist, behindert zu sein und Hilfe von anderen zu brauchen.“ Wenn man der zierlichen Frau beim Erzählen zuhört, merkt man ihr die Behinderung zunächst kaum an. Dessen ist sie sich bewusst, erklärt aber auch, dass sie eine geistige Schwäche hat mit einem Grad von 50 hat und sich vor allem beim Lernen schwer konzentrieren kann. Davon lässt sich Janine aber nicht aufhalten: „Ich möchte noch mehr dazulernen.“

Arbeit nicht nur in der Werkstatt

Diesen Wunsch haben viele Behinderte, doch je nach Behinderung ist längst nicht jeder in den Werkstätten richtig aufgehoben. Daher müssen auch in der freien Wirtschaft mehr Arbeitsplätze her. Laut der Agentur für Arbeit sind aktuell im Bezirk Aachen-Düren 2385 Menschen mit Behinderung arbeitslos gemeldet. Nach den aktuellsten Zahlen aus 2016 haben dagegen 10 694 einen Job.

Arbeitgeber mit mehr als 20 Mitarbeitern sind dazu verpflichtet, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Behinderten zu besetzen. Unternehmen, die sich nicht daran halten, müssen eine sogenannte Ausgleichsabgabe zahlen. Viele Unternehmen bevorzugen diesen Weg. Denn: „Immer noch schrecken viele Arbeitgeber davor zurück, Menschen mit Behinderung einzustellen“, sagt Dorothea Oelze, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Aachen-Düren. Es gebe Vorurteile, Mitarbeiter mit Behinderung würden zu wenig leisten und seien im Ernstfall nicht kündbar.

Dennoch sieht die Arbeitsagentur Aachen-Düren eine positive Entwicklung: In den vergangenen Monaten würden mehr Arbeitgeber Menschen mit Behinderung eine Chance geben. Das liege auch am Fachkräftemangel. „Trotzdem ist weiterhin intensive Aufklärungsarbeit nötig“, sagt Oelze.

Mehr Anreiz soll den Unternehmen das Budget für Arbeit geben. Dieses ist seit Anfang des Jahres gesetzlich verankert. Es ist Teil der zweiten Umsetzungsphase des Bundesteilhabegesetzes, das im vergangenen Juli in Kraft getreten ist. Wenn ein Unternehmen eine Person mit Behinderung einstellt, die sonst in einer WfbM beschäftigt ist, erhält es langfristig finanzielle Unterstützung. Es gilt aber nur für behinderte Arbeitnehmer, die eine etwa drei Jahre lange Ausbildung bei einer Werkstatt absolviert haben. Nur in Ausnahmefällen — wenn jemand bereits bevor er voll erwerbsgemindert wurde — auf dem Arbeitsmarkt tätig war, kann anders entschieden werden.

Müsste Inklusion nicht schon viel früher stattfinden? In der Regel besuchen behinderte Kinder zunächst eine Förderschule. Danach machen sie eine Ausbildung in einem speziellen Berufsbildungswerk oder in einer WfbM wie die der Lebenshilfe Aachen. Kritiker dieses Systems sagen, auf dem regulären Arbeitsmarkt hätte man mit diesem Bildungsweg wenige Chancen.

Auch Janine hat diesen Lebenslauf. Sie kann sich vorstellen, später einmal nach ihrer Ausbildung die Werkstätten der Lebenshilfe Aachen zu verlassen und in einem anderen Betrieb Fuß zu fassen. Elke Mingers, Leiterin Sozialer Dienst und Berufsbildungsbereich, ist jedenfalls zuversichtlich im Hinblick auf Janines Zukunft. „Die Arbeit in einer Kita, einem Seniorenheim oder einem Pflegeheim wäre denkbar“, sagt sie. „Janine ist noch jung. Wir haben noch viel Zeit, sie zu fördern und auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.“ Die 18-Jährige selbst ist ebenfalls positiv gestimmt, und von Vorurteilen hält sie eh nichts: „Ich gehe mit meiner Behinderung gelassen um. Und ich möchte, dass auch andere Leute normal mit mir umgehen.“

Doch wenn Unternehmen nicht beginnen, sich mehr auf Menschen mit Behinderung einzustellen, bleiben die Aufstiegsmöglichkeiten für sie gering. Gerade für große Konzerne gibt es einen guten Grund dagegen: Denn wenn sie bestimmte Produktionsprozesse in eine Behindertenwerkstatt auslagern, kann dies auf die Behindertenquote des Unternehmens angerechnet werden und es muss weniger oder sogar gar keine Ausgleichsabgabe gezahlt werden. Einen weiteren wirtschaftlichen Vorteil gibt es aber nicht. „Wenn wir einen Auftrag bekommen möchten, konkurrieren wir mit ganz normalen Unternehmen der freien Wirtschaft“, erklärt Ralph Wittenmeier, Leiter der Produktion bei der Lebenshilfe.

Der Vorteil für die Behinderten: Die Produktionsleistung richtet sich nach dem, was sie erbringen können — eben ohne Leistungsdruck wie in einem Wirtschaftsunternehmen, erklärt Mingers. Es kann also jeder teilhaben. „Für viele Menschen hier ist es einfach wichtig, mitarbeiten zu können und am Ende des Tages zu sehen, was sie alles geschafft haben“, sagt Mingers.

Breites Freizeitangebot

Zudem wird den Werkstatt-Mitarbeitern ein breites Freizeit-, Sport- und Lernangebot ermöglicht. Umso leichter fällt es vielen von ihnen dadurch auch, soziale Kontakte zu knüpfen. Janine hat ebenfalls auf diesem Weg einen Großteil ihrer Freunde bei der Arbeit kennengelernt. Und auch in ihrem neuen Job hat sie bereits einen guten Draht zu den Mitarbeitern und den Behinderten, um die sie sich kümmert, gefunden. Damit sie sich noch besser mit „Matti“ verständigen kann, will sie als nächstes Polnisch lernen.

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