Aachen: „Shopping Lab“ will den Einkauf zum Erlebnis machen

Aachen : „Shopping Lab“ will den Einkauf zum Erlebnis machen

In der Sportabteilung eines Kaufhauses in der Innenstadt von Osnabrück kann man aufs Surfbrett steigen. Klingt nicht sonderlich spektakulär, ist es aber, weil man das in einem Schwimmbassin tut, auf einer bis 1,40 Meter hohen Stehwelle. Wer nach dem Einkauf also noch surfen will, kann das Becken mieten. Nebenan gibt es einen Fitness-Raum, in dem Bergfans unter Bedingungen wie in 2500 Metern Höhe trainieren können. Eine Kombination aus Einkaufsparadies und City-Gym will das Kaufhaus in der niedersächsischen Stadt bieten.

Die Stoßrichtung ist klar: „Das ist unsere Antwort auf den Online-Handel. Wir sind der Überzeugung, dass man durch attraktive Einkaufserlebnisse die Menschen auch weiterhin für den stationären Handel begeistern kann“, heißt es aus der Geschäftsführung. Der Handelsverband Deutschland (HDE) sieht das auch so: Man müsse den Kunden ein Einkaufserlebnis bieten, das man online nicht haben könne, sagt HDE-Sprecher Stefan Hertel.

Tatsächlich lassen sich viele stationäre Einzelhändler einiges einfallen, um gegen den Online-Handel nicht das Nachsehen zu haben. Das ist auch bitter nötig. Ein kurzer Rundgang durch die Aachener Innenstadt bestätigt diese Einschätzung überdeutlich: Die zahlreichen Leerstände sprechen eine deutliche Sprache und sind nicht nur auf das Aquis Plaza an der unteren Adalbertstraße zurückzuführen. Klar ist: Die Digitalisierung kommt nicht erst, sie ist schon da, und sie verändert alle Bereiche unseres Lebens nachhaltig. Auch das Ein- bzw. Verkaufen. Für die Einzelhändler gilt es, die Stärken des traditionellen Geschäfts und die des Online-Handels miteinander zu verbinden, wenn sie auf Dauer überleben wollen.

Wie das funktionieren kann, das kann man seit Mitte Mai im „Shopping Lab“ im ehemaligen „Café Alex“ an der Komphausbadstraße erfahren. Die Einrichtung, eine Kooperation mit Partnern aus Forschung und Wirtschaft, versteht sich mit ihrem Beratungsangebot, mit ihren Seminaren und Vorträgen als Zukunftsforum. Ein Angebot, das von den lokalen Händlern angenommen wird — allerdings mit „Luft nach oben“, wie es „Shopping Lab“-Projektmanager Jannik Wendorff mit der gebotenen Zurückhaltung formuliert.

Rainer Albath wird da deutlicher. „Ich beobachte eine gewisse Lähmung beim Aachener Einzelhandel, was dieses Thema angeht“, sagt er. Albath hat seine Goldschmiede und Edelsteinhandel 1989 in Aachen eröffnet. Man kann ihn durchaus als technik- und internetaffin bezeichnen. Auch deshalb begreift er die Digitalisierung ausdrücklich als Chance. „Sie wird unser Bewusstsein verändern, und sie wird ein völlig neues Kaufverhalten der Konsumenten mit sich bringen. Es geht um Individualität, und es geht darum, den Einkauf als Erlebnis zu begreifen“, sagt Albath. Wie gesagt: Wer in der Aachener Innenstadt unterwegs ist, der kann zu dem Eindruck gelangen, dass bei weitem nicht alle Händler das schon begriffen haben.

Albath hat die Angebote des „Shopping Labs“ ausgiebig in Anspruch genommen. Dabei ist er auf das Thema 3D-Druck gestoßen, das im „Lab“ in Zusammenarbeit mit dem Institut für werkzeuglose Fertigung (IwF GmbH), einem An-Institut der FH Aachen, besonders gepflegt wird. Das Resultat: Albath überlegt, einen 3D-Drucker für seinen Betrieb anzuschaffen; eine Goldschmiedin, die sich mit der notwendigen Technologie bestens auskennt, hat er bereits eingestellt. Der Vorteil liegt auf der Hand: „Mit dem 3D-Drucker können wir Stücke relativ schnell anfertigen, die den individuellen Bedürfnissen und Wünschen unserer Kunden entsprechen.“ Selbstverständlich lässt sich so etwas auch übers Netz bestellen, aber kombiniert mit einer individuellen Beratung vor Ort im Geschäft kann daraus ein Wettbewerbsvorteil entstehen. Am Beispiel der Aachener Goldschmiede zeigt sich: Ein Onlineshop ist nur eine Möglichkeit von vielen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Es geht vielmehr darum, den digitalen und den stationären Handel zusammenzudenken. Das ist das zentrale Thema im „Shopping Lab“. Die Angebote dort sind niedrigschwellig und praxisnah gehalten. „Wir wollen den Händlern möglichst viele Berührungspunkte bieten“, sagt Herbert Kuck, der im Fachbereich Wirtschaft der Stadt Ansprechpartner des Einzelhandels ist. Im besten Fall könne das „Lab“ als „Initialzündung“ dienen.

Der Online-Handel legt weiter zu

Notwendig wäre die allemal, zumal der Online-Handel ein immer wichtigerer Umsatzträger wird. Im vergangenen Jahr setzte der deutsche Einzelhandel 512,8 Milliarden Euro um, davon entfielen 48,7 Milliarden auf die Online-Käufe, sagt HDE-Sprecher Hertel. Für das laufende 2018 prognostiziert sein Verband einen Gesamtumsatz von 523,1 Milliarden Euro und einen Online-Umsatz von 53,4 Milliarden. „Der Online-Umsatz wächst von Jahr zu Jahr zweistellig, das ist der Wachstumstreiber im deutschen Einzelhandel“, sagt Hertel. Für Händler, die ausschließlich stationär unterwegs sind, wird es also nicht einfacher.

Rainer Albath hat darauf reagiert, und er geht sogar noch einen Schritt weiter: Mona Steinhäußer wird als „Innovationsassistentin“ bei ihm anfangen und soll sich um das Thema Digitalisierung in all seinen Facetten kümmern. Ihre Teilzeitstelle wird vom Land gefördert.

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